Wie entstand die Metapher: Es fällt mir wie Schuppen von den Augen?

Kennen Sie das auch, wenn Sie schon lange etwas „wissen“ und dann urplötzlich von einem Moment auf den anderen den Sinn des Wissens erkennen. Es ist wie die Blindheit überwinden und „sehen“, was schon immer da war. Ein Teil des Prozesses „sich selbst zu erkennen“. Doch welchen tieferen Grund hat diese Metapher? Woher stammt sie? Als mir ein Kunde in einem Gespräch wieder einmal genau diesen Satz sagte, wollte ich es endlich genau wissen.
Fündig wurde ich in der Bibel in der Apostelgeschichte 9:17-19 bei einem Menschen, der wie kaum ein anderer für menschliche Reifungsprozesse steht.  Paulus von Tarsus

 

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Paulus trifft auf Jesus, Foto KK Ludwigsburg

 

Wer war Paulus von Tarsus?
Wikipedia gibt Auskunft:

„Paulus von Tarsus war nach dem Neuen Testament ein erfolgreicher Missionar des Urchristentums und einer der ersten Theologen des Christumsgeschichte. In der katholischen Kirche, den orthodoxen Kirchen, der koptischen und armenischen wie auch der anglikanischen Kirche wird er als Heiliger verehrt. Als griechisch gebildeter Jude und gesetzestreuer Pharisäer verfolgte Paulus zunächst die Anhänger des gekreuzigten Jesus von Nazaret. Doch seit seiner Bekehrung verstand er sich als von Gott berufener Apostel des Evangeliums für die Völker. Als solcher verkündete er vor allem Nichtjuden den auferstandenen Jesus Christus. Dazu bereiste er den östlichen Mittelmeerraum und gründete dort einige christliche Gemeinden. Durch die Paulusbriefe blieb er mit ihnen in Kontakt. Er starb vermutlich 64 nach Christus in Rom.“

Er hatte Christus nie persönlich kennen gelernt.
und der neue Glauben der Christen war ihm zunächst fremd. Er war ein gesetzestreuer Vertreter seiner theologischen Schule, die sich am Alten Testament und dessen Wahrheiten orientierte. Im Zentrum dieses Glaubens stand die Gewissheit, dass Gott ist und das sich niemand ein Bild von ihm machen soll. Denn Gott ist größer als all  das was wir mit unserem Verstand begreifen können. Daher ist es nach diesem Glauben unmöglich Gott eine Form zu geben. Paulus Name war in jenem Augenblick als dieser Ausspruch seine Anfang nahm, noch Saulus. Der, der die Christen verfolgte.
Dann erschien ihm Jesus in einer Vision, während er über eine Straße lief um seine Mission zu erfüllen.  Jesus rief ihm zu:

„Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich ?“ (17)

Dieses Erlebnis wirkte tief in den Pharisäer hinein, bekehrte ihn und er erblindete fast. Möglicherweise, weil er in jenem Moment in dem Zwiespalt aus altem und neuem Denken gefangen war. Das alte Denken war noch Teil seines Selbst. Aber dem neuen Denken fehlte noch der Raum, „zu Fleisch zu werden“, wie es Jesus in der Bibel über verinnerlichte Glaubenssätze sagt.

Paulus Geschichte ist ein faszinierendes Beispiel,
die Bibel anstatt wörtlich auszulegen, sie sinnbildlich zu interpretieren. Schauen wir, wie es mit dem nun fast erblindeten Paulus weiter ergeht. In Absatz 17 ist weiter zu lesen:

„Da ging Ananịas hin und kam in das Haus, und er legte ihm die Hände auf und sprach: ‚Saulus, Bruder, der Herr, der Jesus, der dir auf der Straße, auf der du kamst, erschienen ist, hat mich hergesandt, damit du wieder sehend und mit heiligem Geist erfüllt werdest.'“

Und nun kommen wir zu der entscheidenden Stelle in Absatz Nummer 18

„Und sogleich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und er konnte wieder sehen, und er stand auf und wurde getauft,“

Ein Bekehrter ist ein Mensch, der sich freiwillig für den Glauben an Jesus von Nazzareth als Messias und Gott als seinen göttlichen Vater entschied. Er willigte mit seiner Entscheidung gleichzeitig darin ein, ein Leben entsprechend den christlichen Liebesgeboten – Gottesliebe und Nächstenliebe – zu führen und die jeweiligen christlichen Glaubensgesetze zu befolgen. Damit warf er sein bisheriges Glaubenskonzept und sein Gottesbild über den Haufen und wurde zum Paulus. Er konnte glauben, was er sah und wußte. Die Schuppen rühren möglicherweise daher, dass das Symbol der Christen der Fisch ist. Zur Stunde der Geburt Jesu Christi trat die Welt ins Zeitalter der Fische ein. Das bedeutet, die Sonne geht zur Frühjahr-Tag-und-Nachtgleiche im Sternbild der Fische auf. Das tat sie dann die nächsten 2000 Jahre.
Doch kommen wir zurück auf Paulus. Der war nun  mit sich und der Welt in Einklang. Alles Ringen hatte ein Ende und da nahm er, wie es in Absatz 19 der Apostelgeschichte zu lesen ist:

„Speise zu sich und kam zu Kräften.. . .“

Wie im wirklichen Leben …

P.S. Danke an einen österreichischen Schriftsteller- Kollegen, an Peter  Kutzer-Salm, der mir die wegweisende Information zur Bibelstelle gab.

P.P.S Erstaunlich in diesem Leben haben sind viel Menschen so wie ich gläubig konfessionslos oder atheistisch und trotzdem tragen wir diese Metaphern in unserem kollektiven Unbewussten mit uns herum.

 

Irene Wahle ist seit 2004 freiberuflich als Biographin im deutschsprachigen Raum tätig. Sie schreibt und produziert in Kooperation mit ausgewählten Netzwerkpartnern kostbar gestaltete Biographien, Lebens-Zwischen-Bilanzen und Firmenchroniken. 2008 wurde sie für die von ihr geschriebenen Lebenserinnerungen: „Kandelaber-Heckmann “ mit dem 1. „Deutschen Biographiepreis“ ausgezeichnet. BiographinIW ist als Expertin für Lebens – und Unternehmensbücher ins „Netzwerk der Besten | Großer Preis des Mittelstands“ aufgenommen worden. Mit ihrer Arbeit setzt sich Irene Wahle dafür ein, Leben zu klären, Erinnerungen als wichtigen Bestandteil unserer Kulturgeschichte zu bewahren, Lebensleistungen zu würdigen und Visionen zu entwickeln. Tel. +49 381 68 63 874 biographie[at]irene-wahle.de

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