Von Sturzkarren und Besatzern, die mithalfen die deutsche Landwirtschaft wieder auf die Beine zu bekommen

 Die Aktion Borlingcorn …

Während sich auch im Nachklang der Arbeit an meiner Biographie – „Kandelaber-Heckmann“ meine Erinnerungen weiter verdichteten, trat eine Geschichte ganz unverhofft auf die Bühne meines Bewusstseins. Eine Geschichte, die ich, Hans Heckmann, unbedingt erzählen möchte. Sie ereignete sich ungefähr ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Engländer hatten mich aus der Kriegsgefangeschaft vorzeitig entlassen, weil ich mich verpflichtet hatte, im Ruhrpott als Landarbeiter tätig zu werden.
Der Notstand überflutete in jenen Tagen unser Land und ich hoffte darauf bei meinem Onkel August den mageren Zeiten zu entgehen. Er besaß eine Kornbrandbrennerei. Auch wenn es dort mehr als anderswo zu essen gab, musste ich dafür ganz schön ackern…


Zu dieser Plackerei gehörte das Beschaffen von Saatgut. Es war schwer zu bekommen. Entweder Onkel August Reserven an Alkohol bescherte uns das begehrte Gut oder der Himmel mußte in unsere Betrachtungen einbezogen werden. Unsere Gebete wurden erhört und inspirierten möglicherweise die englischen Besatzer zur Aktion Borlingcorn. Die Militärs verteilten Sämereien und Kartoffeln, um die am Boden liegende deutsche Landwirtschaft wieder auf die Beine zu bekommen. An einem Frühjahrstag des Jahres 1946 verschenkten die englischen Besatzer in Mühlheim an der Ruhr Saatkartoffeln.

Von einer strammen PS und einer unvergesslichen Reise mitten durchs zerstörte Ruhrgebiet
Gemeinsam mit einem Knecht von Onkel August, dessen Name mir leider entfallen ist, machten wir uns auf den Weg. Unser Reisegefährt war eine sogenannte Sturzkarre, die von einer strammen PS namens Lotte, gezogen wurde.  Ausgelöst durch die Zerstörungen des gerade zu Ende gegangenen Weltkrieges fehlten im gesamten Deutschen Reich die Kraftfahrzeuge. Es mangelte an allen motorisierten Nutzfahrzeugen, wie beispielsweise Traktoren für die Landwirtschaft. Wie viele seiner Zeitgenossen hatte sich Onkel August deshalb einen zweirädrigen Kipp- oder Sturzkarren zugelegt. Dieses einachsige Gefährt besaß seitlich einen Auslöser, um den Entladevorgang einzuleiten. Dann stürzte alles hinten über, daher der Name.

Sturzkarre, Foto Wikipedia

Eigentlich waren diese Ungetüme deutscher Technikgeschichte vor dem Krieg nur noch im Museum zu finden. Selbst der Begriff, Sturzkarren, war sogut wie aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Im Nachkriegsjahr erlebte dieses, bereits 1210 in einem Bleiglasfenster in der berühmten Kirche von Chatres dargestellte Transportgerät eine Reniccansse. Mit ihnen wurden Waren aller Art und Güte von A nach B bewegt, die Ernte eingefahren und manchmal auch Menschen bewegt.
An diesem milden Mai-Morgen brachen wir in aller Herrgottsfrühe von Oberhausen Dümpen auf, um in das neun Kilometer entfernte Mühlheim zu reisen. Wir durchquerten hochstämmige Laubwälder und die zweirädrige Karre rüttelte uns ordentlich durch. So frei auf dem Karren sitzen hatten wir einen sagenhaften Ausblick auf alte Adelssitze. Burgen,  die sich über alle Zeiten hinweg, selbst über die Bombardierungen der letzten Jahre, gehalten hatten. Beim Betrachten der alten Bastionen hatte ich das Gefühl, die Zeit bleibt stehen und das was ich gerade erlebe ist nur eine Illusion.
Rumpelnd schob sich unser Gefährt, geduldig mit schwerem Schritt gezogen von der der kaltblütigen Belgierin, vor sich hin. Während dessen bauschten sich der blond- braune Schweif und die Mähne unserer gutmütigen Lotte im lauen Lüftchen von eins auf zwei Windstärken auf. Alles grünte und blühte. Mutter Natur erwachte, betörte uns mit tausend Düften und weckte die ungeahnten Frühlingsgefühle in mir. So gab ich mich verträumt meinen Gedanken hin, während meine Blicke weiter durch die Landschaft wanderten. Nebelschleier verwoben sich mit den Strahlen der Sonne, die den Himmel in das zartrosa Licht eines neuen morgens tauchten.
Fasziniert betrachtete ich eines der morgendlichen Wunder von Mutter Natur, wenn zarte Nebelschleier zerreißen und statt einer Märchenwelt die Wirklichkeit in Form einer von Mühlheim an der Ruhr präsentiert. Der Wind frischte auf, so von fünf auf sechs Windstärken, trieb in Böen sein Unwesen in der Stadt. Rüttelte an Türen und Toren, ließ die Bäume erzittern und die Menschen ihre Kragen enger an sich heranziehen. Melodisch klingend verkündete eine Glocke die achte Stunde des Morgens und wir passierten die Stadtgrenze von Mühlheim.

Eine Karavane mittelalterlich anmutender Gefährte
Der Ort mit seinem ganz eigenen Flair liegt nahe bei der Ruhrmetropole Duisburg. Eingebettet in eine ein Meer aus Feldern, die im Sommer reife Ernte tragen würden, rauchten inmitten dieser Bilderbuchlandschaft die Schlote. Thyssen war dort zu Hause mit seinen Walzstraßen und Hochöfen. In den Nachkriegsjahren wurde die Produktion mittels Wasserkraft und Hammerwerken am Laufen gehalten. Der Stahlgigant der Schwerindustrie und die mächtige Ruhr beherrschten als gemeinsame Regenten Stadt und Land. Eine Stadt der Kontraste. Denn Mühlheim besitzt einen mittelalterlichen Stadtkern mit einer Kirche. Dem Wohlstand dieser Stadt konnte meinem Eindruck nach auch der Krieg nichts anhaben. In der Morgenstunde hörten die Menschen weithin Lottes beschlagene Hufe auf dem noch feuchten Katzenkopfpflaster. Das blieb auch so, als wir in die Betriebsstraße zum Güterbahnhof einbogen, die mitten durch die Stadt hindurch führte und dann unseren Augen kaum trauten:  denn wir blickten auf dreißig oder vierzig Sturzkarren. Wir waren fast die letzten, die ihre Plätze in der Karawane der mittelalterlich anmutenden Gefährte einnahmen. Jede Sturzkarre wurde von einem wohlgenährten Kaltblüter gezogen. Geduldig stehend, vor sich hin glotzend, trabten sie einen Schritt nach dem anderen vorwärts, wenn sie ein Kommando erhielten.  Während dessen machten sie ihr Geschäft unbekümmert unter sich. Worauf der Eigentümer des Tieres losstürzte und die Pferdeäpfel aufsammelte, um sie später als Dung für das Feld zu nutzen. Denn, so sagte es schon Onkel August: „Wo kein Mistus, das kein Christus.“ Die Stunden tropften wie ein verrosteter Wasserhahn vor sich dahin. Während der Zeit versorgten wir unsere Pferde und kamen grüppchenweise miteinander ins Gespräch. Die Armisten verteilten indes direkt aus den Waggons heraus pro Person acht bis

Zehn Zentner Saatkartoffeln erster Güte.
Wir alle waren den Engländern dankbar, die uns halfen, zur Normalität nach dem Krieg zurück zu finden. Obwohl die Soldaten sich freundlich bis reserviert verhielten, spürte ich ihren ehrlichen Einsatz für die Sache. Und das, obwohl sie die Sieger waren.  Wenn ich mir die einzelnen Militärangehörigen anschaute, dann gaben sie gern und mit vollem Herzen. Das beeindruckte mich nachhaltig und das bis heute, obwohl mittlerweile vierundsiebzig Jahre vergangen sind.
Es gibt Sachen, die vergisst man nie.
Einige Soldaten arbeiteten sich bis zu uns in die letzte Reihe vor, verwickelten uns in ein Gespräch und wunderten sich, dass wir die englische Sprache beherrschten. Als der Damm gebrochen war, sprachen wir sehr unbefangen über Gott und die Welt. Im Laufe der Vormittages strömten immer mehr Mühlheimer auf das Gelände des Güterbahnhofs. Noch nie hatten sie eine derartige Versammlung von Pferdestärken mit stürzenden Karren gesehen. Sie stellten sich an den Straßenrand, lauschten oder hielten Maul Affen feil.
Später packten sie mit an. Denn alle Ent- und Beladevorgänge der Säcke wurden per Handarbeit erledigt. Jedes technische Hebegerät fehlte.
Das hieß: zwei Soldaten warfen den Sack aus dem Waggon raus. Unten packten vier starke Männerhände zu, um den fünfzig Kilo-Sack dann mit gekonnter Windung dem Anpacker auf dem Sturzkarren zu reichen.

Effektive Methoden Bombentrichter einzueben und vom Lohn der Mühen
Geduldig warteten wir und vertrieben uns neun Stunden lang die Zeit. In schwierigen Zeiten tendieren die Menschen dazu, zusammen zu rücken. So war es auch damals. Wir rückten zusammen, teilten unser mitgebrachtes Essen und nutzen die Zeit für Gespräche. Wir tauschten Erfahrungen über die Feldarbeit aus. Wir unterhielten uns aber auch darüber,  wie wir am effektivsten die Bombentrichter einebnen können, um unsere Feld wieder landwirtschaftlich nutzbar zu machen.
Meinen Beitrag leistete ich mit der Methode, die mir Onkel August beigebracht hatte. Ziemlich schweißtreibend. Aber doch recht wirksam.  Wir spannten einen PS Lotte vor einen Pflug und dann ging es Runde um Runde um den Trichter herum. Bei jeder beendeten Umrundung wurde eine Furche nach innen gekippt.
Wir tauschten uns außerdem aus, wo es Ersatzteile gab für unsere Technik gab. Ich fiel wieder, wie so oft in meinem Leben, auf. Denn ich trug anstatt Landarbeiterkluft meine lädierte Leutnantsjacke, erleichtert nur um die Rangabzeichen. Dazu eine dunkle Leinenhose und weiße Socken.  Gegen siebzehn Uhr durften wir dann unser Geschenk in Empfang nehmen. Zufrieden, und um Erkenntnisse und Erlebnisse reicher, machten wir uns auf den Heimweg.

(Quelle: „Was noch zu sagen bleibt“, Hans Heckman)

Weiterführende Informationen

Beitrag Fachzeitschrift Licht: „Der Kandelaber-Heckmann“ – ein Mann, sein Werk und sein Buch“

Referenzen, Laudation, Leseprobe „Der Kandelaber-Heckmann“

 

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Irene Wahle ist seit 2004 freiberuflich als Biographin im deutschsprachigen Raum tätig. Sie schreibt und produziert in Kooperation mit ausgewählten Netzwerkpartnern kostbar gestaltete Biographien, Lebens-Zwischen-Bilanzen und Firmenchroniken. 2008 wurde sie für die von ihr geschriebenen Lebenserinnerungen: „Kandelaber-Heckmann “ mit dem 1. „Deutschen Biographiepreis“ ausgezeichnet. BiographinIW ist als Expertin für Lebens – und Unternehmensbücher ins „Netzwerk der Besten | Großer Preis des Mittelstands“ aufgenommen worden. Mit ihrer Arbeit setzt sich Irene Wahle dafür ein, Leben zu klären, Erinnerungen als wichtigen Bestandteil unserer Kulturgeschichte zu bewahren, Lebensleistungen zu würdigen und Visionen zu entwickeln. Tel. +49 381 68 63 874 biographie[at]irene-wahle.de

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