Von Hirntoten in denen neues Leben reift, das sie gebären und ernähren

Seit nunmehr sechzehn Jahren denke ich auf einem Buch herum, das eines meiner Lebensaufgaben darstellt. Damit ist ein Seelenauftrag gemeint, der zur Entfaltung ruft.
1998,  nach dem dramatischen Tod meiner Eltern ist mir zum ersten Mal die Idee gekommen, es zu schreiben. Damals hätte ich es allerdings eher aus der Sicht eines Rachengels geschrieben, der ohnmächtig mit ansehen musste, wie die eigene Mutter inmitten eines Krankenhauses an den Folgen einer viel zu spät erkannten Blutvergiftung starb. Aber auch aus dem Blickwinkel einer zutiefst verletzten Frau, die damit einverstanden war, dass der eigene Vater sich erschießt, weil er damit bewusst seinem Krebsleiden ein Ende setzen konnte. Aus dem inneren Erleben einer Frau, die selbst über ein Jahr nach sterben wollte und sich irgendwann die Frage stellte: „Warum ist das alles geschehen?“

Und wer eine Frage stellt,  wird in die Antworten
geführt. Manchmal, so wie in meinem Falle, dauert es viele Jahre. Sowohl Antworten zu bekommen, als auch ein Buch zu schreiben. Weil dann der günstige Zeitpunkt gereift ist, diese Antworten auch auszuhalten und in der Klarheit einer Aussage angekommen zu sein.
Der damit verbundene Weg ist ein Eintauchen in viele mit der Frage verbundene Erfahrungsfacetten. Erfahrungen aus denen Erkenntnisse reifen, die den Wunsch nach dem Buchprojekt immer mehr in mir verdichteten. Wissen, dass in meinem Kopf ominpräsent war, für das ich aber erst mit jeder gewonnen Einsicht Worte fand. Erfahrungen mit Menschen, mit der Kunst, im Hospiz, als Frau die über 190 Menschen etwas nachgerufen und damit ihr Leben nach gezeichnet hat. Als Mensch, der sich berühren lässt und sich dadurch noch so manches Mal der dunklen Nacht seines Geistes hingeben darf. Der aufhört zu kämpfen, sich hineinfallen lässt in alle Erfahrungen, die wie Felsbrocken auf dem Welt liegen. Das Geschenk ist ein erfülltes Leben und ein Buch, indem sich die Gedanken zu kristallener Klarheit formen, um den Menschen von der Wichtigkeit des Sterbens im Leben als Teil menschlicher Reifungsprozesse  hin zum Tode zu künden. Oberste Priorität ist dabei für mich, meine Leser zu ihrer eigenen Klarheit zu führen. Dabei haben mir unglaublich viele Menschen durch ihre eigenen authentischen Aussagen geholfen. 2011 hatte ich innerlich mit dem Buch abgeschlossen, sah es als fertig an.

Bis zu dem Tag, als ich im Rahmen des neuen Transplantationsgesetzes
mit Unterstützung von Google Alert recherchierte. Ich wollte abschließend aktuelle Hinweise in den Bereich – Organe spenden – einfügen. Eines Tages bekam ich über die Keywortsuche einen Beitrag, der über Menschen berichtete, die ihre Kinder zur Organspende frei gegeben hatten.
Überwältigt, von den Bildern, die diese Menschen von ihren verstorbenen Angehörigen zeichneten, saß ich erst einmal eine Woche tief betroffen da. Denn aus meiner jahrelangen Arbeit im Hospiz und mit Angehörigen weiß ich, welchen Frieden der Tod auch nach jahrelangem Leiden in die Gesichter von Menschen zeichnet. Wie er mit sanfter Hand alle Spuren des Todeskampfes aus den Gesichtern der Menschen löscht. Wie konnte es sein, dass die toten jungen Menschen derartiges Grauen aus ihren schweißnassen Gesichtern spiegelten?
Ich beschloss, auch weil ich selbst jahrelang mit einem Organspendeausweis bewaffnet war, den Bereich zu überarbeiten. Aber es verging noch ein halbes Jahr, bevor ich mich aus der losgelösten Position der Biographin mit der Organspende beschäftigen konnte. Seither sind drei Jahre vergangen. Und wie von göttlicher Hand geführt, bekomme ich alle Informationen, die ich brauche, um meinen Wunsch:

„mit Hilfe meiner Kunst dazu beizutragen den Leser in seiner eigenen Klärung zu unterstützen“

zu verwirklichen. Und das aus viellerlei Blickwinkeln. Sowohl aus medizinischer, als auch ethischer und gläubiger Sicht. Langsam formt sich das für die Geschichte notwendige medizinische Wissen in meinem Kopf, ergänzt sich durch die mit übermittelten Tatsachen zu einer Geschichte. Ein Mediziner, der wie ich für die lückenlose Aufklärung ist, beispielsweise darüber, dass Hirntot ein angezweifeltes Konzept ist, steht bereit den Beitrag gegen zu lesen, damit auch alles richtig kommuniziert wird.

Die große Frage im Bereich – Organe spenden  – ist und bleibt jedoch:

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Leben schenken, Foto JMG pixelio.de


„Sind Hirntote tote oder sterbende Menschen?“

Um diese Frage dreht sich seit die Havard Kommission diesen Tod jenseits aller in der Natur stattfindenden Prozesse definierte, eine uferlose Diskussion. Es gibt Meinungen und Meinungen und Meinungen. Der schlaue Verstand wird dem noch immer eins drauf setzen. Doch wie in vielen Fällen liegt die Antwort außerhalb dessen, was wir mit dem Verstand erfassen können.  So will ich es denn folgendermaßen beschreiben:

Laut unserem im Jahr 2012 verabschiedeten überarbeiteten Transplantationsgesetz sind wir tot. Denn nur von toten Menschen dürfen Organe entnommen werden. Gleichzeitig gilt weltweit: „Lebende Organe nur vom toten Spender.“

„Was empfinden Sie, wenn Sie das lesen?“

Oder was macht es mit Ihnen, wenn Sie von folgendem Umstand hören:

Bis ins Jahr 2003 gab es „zehn nachgewiesene und dokumentierte Fälle ausgetragener Schwangerschaften von hirntoten Frauen“, wie es die Zeitschrift Crit Care Med 2003; 31; 1241 schreibt.
Prof. Dr. Linus Geisler, Arzt, Mediziner und Mensch, der sich für die lückenlose Aufklärung zum Thema seit den 90ziger Jahren engagiert, meint dazu in seinem Bericht „Die Zukunft des Todes – Überlegungen zum Hirntod“:

„Die These von der übergeordneten integrativen Funktion des Gehirns [Anmerkung BiographinIW: Zusammen führen der einzelnen Teile zu einem Ganzen als Funktion des Gehirns]  wird im Falle einer hirntoten Frau völlig in Frage gestellt. Die hirntote schwangere Frau, die als ‚Tote‘ imstande ist, in ihrem Leib ein Kind zu ernähren, es gedeihen und sogar bis zu ungestörter Lebensfähigkeit in sich heranreifen zu lassen, ist begreiflicherweise für die Verfechter der Transplantationsmedizin ein Dorn im Auge. Die längste bekannt gewordene Schwangerschaft dauerte 107 Tage. Dann wurde Conley Hiliker von einem gesunden Jungen entbunden, der sich normal entwickelte.
Vage Erklärungen wurden herangezogen [ … ] und die Schwangere wurde auf den Status eines Brutkastens reduziert, der den Fötus mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt.“

Ich bin sprachlos. Mit was der Mensch so alles verglichen wird und was für schlaue Argumente sich der Verstand immer wieder ausdenkt, um etwas als die Wahrheit auszugeben. Der Erzähler Kahil Gibran fällt mir dabei ein. „Sage nie, du hast die Wahrheit gefunden. Sage immer, du hast eine Wahrheit gefunden und sei dankbar dafür.“ Ist eine Frau, die imstande ist, ein Kind zu ernähren und in sich das Wunder Leben erblühen zu lassen mit einem Brutkasten zu vergleichen? Welche Geringschätzung des Weiblichen ist das nur?

Aktuell habe ich erfahren, dass bisher elf erfolgreich verlaufende Schwangerschaften nachgewiesen sind. Es kam sogar bei mancher Frau dazu, dass in die Brüste dieser Frauen Milch einschoss. Damit es dazu kommt, werden im Gehirn Programme gestartet.

Wie kann ein mit den absolut sicheren Tests für hirntot erklärter Mensch mit einem toten Gehirn das tun? 

Was meinen Sie?

P.S. Offener Brief von Dr. Andrea Wilmowsky
Ein Zitat aus „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“ von Alexander Mitscherlich, München 1968 (!), S. 260: „Die auf ‚Leichenspende‘ beruhende Praxis der Organverpflanzung ist in der Geschichte der ärztlichen Tabuüberschreitungen einzigartig, denn mehrere in unserer Kultur herrschende Normen, aber auch Verbindlichkeiten der medizinischen Ethik werden verletzt: Im Laufe der großen Operation einer Organentnahme gibt es nicht eine einzige medizinische Handlung, die im Sinne des Hippokratischen Eides dem Wohl eines Hintoten verpflichtet ist. Egal, ob wir hirntote Organspender als Patienten, Sterbende oder Leichen betrachten: Alle sonst verbindlichen Normen sind während einer Explantation außer Kraft gesetzt. Als Tote gilt ihnen nicht einmal die so bezeichnete ‚heilige Scheu‘.“

 

Weiterführende Links
Kunstvoll Abschied nehmen – vom Sterben im Leben und im Tode –
Buch, dass facettenreich über Sterben als wichtige Inkredenz menschlicher Reifungsprozesse berichtet und den Leser unterstützt, den Ausklang des Daseins für sich zu klären und dafür vorzusorgen.
Das Transplantationsgesetz und die Wunder der Heilung
Buchprojekte, die wie Jahrgangsweine reifen

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Irene Wahle ist seit 2004 freiberuflich als Biographin im deutschsprachigen Raum tätig. Sie schreibt und produziert in Kooperation mit ausgewählten Netzwerkpartnern kostbar gestaltete Biographien, Lebens-Zwischen-Bilanzen und Firmenchroniken. 2008 wurde sie für die von ihr geschriebenen Lebenserinnerungen: „Kandelaber-Heckmann “ mit dem 1. „Deutschen Biographiepreis“ ausgezeichnet. BiographinIW ist als Expertin für Lebens – und Unternehmensbücher ins „Netzwerk der Besten | Großer Preis des Mittelstands“ aufgenommen worden. Mit ihrer Arbeit setzt sich Irene Wahle dafür ein, Leben zu klären, Erinnerungen als wichtigen Bestandteil unserer Kulturgeschichte zu bewahren, Lebensleistungen zu würdigen und Visionen zu entwickeln. Tel. +49 381 68 63 874 biographie[at]irene-wahle.de

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