Roger Willemsen und die Ewigkeit

Roger Willemsen ist seit über einem Jahr tot

… und noch immer beschäftigt er mich. Warum das so ist, darüber habe ich im ersten Teil meines stillen Gedenkens für Roger Willemsen geschrieben. Mein erster Blog endete in jenen Augenblicken, als der Autor und Publizist Willemsen seinen 60. zigsten Geburtstag feierte.

Reisen Sie, verehrte Leserinnen und Leser,  mit mir zurück in ins Jahr 2015, bis in jene Augenblicke, als Roger Willemsen mutmaßlich ahnte, dass etwas in ihm seinen Lauf nahm.

Damals gab Willemsen einige Interviews und seltsamerweise wurde er immer wieder zu Gedanken über die Endlichkeit befragt. Ein Interview  gab er für den Express und ahnte wohl kaum, das dies sein letztes Interview sein würde. Der Reporter fragte:

„Und wenn die Frist dann um ist – was ist mit einem Leben nach dem Tod?“

Und Roger Willemsen antwortete:

„Darüber kann ich nichts wissen, und das betrübt mich nicht.“

Und der Reporter fragt weiter:

„Und wie wollen Sie die Frist nutzen, die Ihnen noch bleibt?“

Wieder bekommt er eine klare Antwort, so wie es die Art und Weise des geradlinigen Autors war:

„Da für mich zu den größten Glückszuständen der Zustand der Produktivität gehört, also etwas hervorzubringen, richtet sich meine Glücksvorstellung in erster Linie auf das, was ich noch werde hervorbringen können. Das heißt, Bücher, die ich im Kopf habe, Dinge, die ich sinnvoll oder notwendig finde.

Damit bin ich etwas strenger und möchte meine Zeit noch besser nutzen. Ich möchte weniger unterhalten als informieren. Ich würde sehr gerne ein paar humanitäre Arbeiten weitertreiben. Und ich möchte Afghanistan noch oft besuchen.“

Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen, mitten in uns.

Gevatter Tod, Manfred Mazi pixelio.de

Nur drei Tage nachdem das letzte Interview ausgestrahlt wurde, am 18. August 2015, bekam Roger Willemsen seine Krebs-Diagnose. Auf der Website seiner Produktionsfirma: Noa Noa war zu lesen:

„Roger Willemsen bedauert, alle Veranstaltungen bis auf weiteres absagen zu müssen und bedankt sich von Herzen für die große Anteilnahme an seiner Situation und allen Zuspruch.“

Seit Jahrhunderten forscht die Wissenschaft

um die Ursachen dieser aggressiven Erkrankung, die soviele Gesichter hat. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist,  dass die körpereigenen Zellen sich verändern und das eigene System bekämpfen. Der Körper macht am betroffenen Organ oder Körperteil sichtbar, wo wir außer Balance geraten sind.

Unser Körper ist der sichtbare Teil unserer Seele, die jener Teil in uns ist, der sich ständig weiter entwickeln will.

Sie ist der weiblich intuitive Teil in uns allen,

der es in unserem verstandsgesteuerten Zeitalter so schwer hat, zu uns durchzudringen. Unsere Seele, der unbewusste Teil in uns, verbalisiert sich über unsere innere Stimme, über Ahnungen, Träume, Herzenswünsche und den Zeichen am Wege …

Unser kluger Verstand glaubt zumeist, er könne die Seele überlisten und ist größer als sie, die weise Allwissende. Sie ist geduldig, übermittelt wie eine weise Lehrerin immer wieder Impulse. Doch wenn diese dauerhaft ungehört bleiben, dann werden ihre Zeichen deutlicher:

Krankheiten spiegeln dann unsere inneren Zustände wieder.

Und in diesem Sinne ist Krebs die höchste Alarmstufe und der Ruf des Lebens, uns unserem Inneren zuzuwenden. Die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Vor allem aber wünscht sie uns über alle Ängste hinweg, dass wir uns unserer größten Angst – der Angst zu sterben und aufzuhören zu exisitieren – zuwenden.  Aus meiner Erfahrungen fallen Krankheiten niemals vom Himmel, sondern sie sind das Ergebnis vieler Leben. Und so stehe hich hier und frage mich:

Was war da in Disharmoinie Roger Willemsen geraten?

Wieso brach die Balance in einem Mann ein, der so beseelt und manisch arbeitete wie ein Zeitgenosse von ihm: Christoph Schlingensief? Auch Schlingensief war jemand, der seine aktiv-männliche Seite offensivst ausgelebt hat. Beiden Männern misslang es, in den Bereich der Mutmaßungen gehend, ihre weibliche Seite auszuleben. Jene Seite, die wir heute zumeist Geschlechtern zuordnen, die aber den Gegenpol zur aktiv – männlichen Seite in uns bildet: die

„passiv-weibliche Seite.“

Sie ist diejenige, die im Vertrauen auf Empfang schalten kann. Sie ist die Heimat unseres Unbewussten und unserer Kreativität. Sie ist die Seite, die im Schatten unser allen Seins im Unbewussten ruht und das in sich birgt, was in uns allen auf Erlösung hofft. Sie ist das weiche und verletzte in uns allen. Unsere weibliche Seite unterstützt uns, uns zu erden und uns in Mutter Erde zu verwurzeln.  So wie uns unsere aktiv – männliche Seite unterstützt, unseren Geist wie eine Krone eins Baumes in den Himmel, der Sonne entgegen wachsen zu lassen.

Entdeckt haben sowohl Schlingensief, als auch Willemsen ihre weibliche Seite mutmaßlich im Ausklang ihres Daseins. Im Rückzug aus allem und in der Hinwendung zu sich selbst. In ihrer absoluten Schwäche und der Unfähigkeit sich wieder auf Reisen in die Welt zu begeben … Im Modus der Bedürftigkeit und des angewiesenseins auf Freunde und Familie. Im Sterben entfaltete  sie sich, so wie auch bei Apple Gründer Steve Jobs. Stefan Levine nannte diesen Prozess:

„Heil werden im Tode.“

Was in der Zeitspanne zwischen der Meldung, dass Roger Willemsen alle Termine absagen und seinem Tod geschah, das werden wir nur in Ahnungen und Fragmenten erfahren. Beispielsweise von Willemsens Weggefährten Jörg Bang,  der für zeitonline einen Nachruf für ihn schrieb. Jörg Bong ist der Chef des S. Fischer Verlages, in dem die Bücher Roger Willemsens erscheinen. In seinem Gastbeitrag heißt es:

„Das Programm – ‚Sei gegenwärtig‘ – hat noch die Haltung seiner eigenen Krankheit gegenüber bestimmt, einer aggressiven Krebserkrankung. Das Leben als Momente zu begreifen, vereinfacht gesagt, und es selbst darin zu konzentrieren:

‚Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten.‘

Er war von unfasslichem Mut und Stärke – Haltung ist das genaue Wort – bis in den Tod. Seine eigene Philosophie war noch im Sterben die Maxime.

‚Du würdest keinen anderen in mir finden als jenen, den Du kennst‘,

schrieb er vor einigen Wochen.

‚Die Krankheit macht mich nicht hysterisch, nicht irrational, sie vernebelt nicht. In schöner Klarheit tritt heraus, wie lange ich um sie kreise, wie die letzten Themen der Vergegenwärtigung, der Moment-Verdichtung, der Feier des Lebens in der Epiphanie, die Rettung der Erinnerung alle Teil einer Verarbeitung waren, die ich gewissermaßen prophylaktisch leistete. Ich taumele also nicht aus der Fremde auf dieses Feld, sondern komme schon über Hochebenen.'“

Eine Abschiedsreise nach Skandinavien

Roger Willemsen zog sich aus allem zurück. Hielt den Kontakt nur mit den nahesten Menschen, die zum ihm gehörten. Wie es mir scheint, hat er sich seiner Krebserkrankung hingegeben. So wie er es sich gewünscht hat, sind in den ausklingenden Stunden seines Lebens seine engsten Freunde um ihn herum gewesen.

Freundschaftliebe„,

wie die alten Griechen eine Form der Liebe, neben der Eros- und der allumfassenden Liebe, nannten. Freundschaft war ihm ein hoher Wert.

Jörg Bang berichtet in seinem Nachruf in der Zeit darüber, dass die erste Reaktion von Willemsen auf die Nachricht seiner Erkrankung eine Reise nach Norwegen war. Reisen war oft Heilmittel nach schmerzlichen Erfahrungen, wie beispielsweise der Trennung von einer Frau, wie ich Interviews und Zeitungsberichten entnommen habe. So scheint es wohl auch dieser Reise nach Skandinavien  mit Blicken über Fjorde in endlose Weite von Himmel, Wasser und Gebirge gelungen  sein, sich wie Balsam um die leidgeprüfte Seele des Autoren zu legen. Er schreibt an Jörg Bang:

„[…] eine große Erlösung, schlicht überwältigend, Munch ergreifend (…) die Stadt, das Meer, die Landschaft, das Essen, alles sinfonisch, und Jörg, hier ist Frohsinn, Lebensfreundlichkeit, Lächeln. Wie dankbar ist man in diesem Zustand für ein solches Leben, diese Zugewandtheit und Bejahung von allem Sinnlichen.“

Abschließend resümiert Herr Bang in seinem Nachruf:

„Er war Bonner, Rheinländer durch und durch, noch zuletzt machte er Witze:

‚Ich stehe firmly, habe in die ärztliche Dauerdiagnose aufnehmen lassen ‚unzerstörbarer Frohsinn‘.

Eine Hommage auf Bonn gehörte zu den Projekten, die er schon umrissen hatte. An einem neuen Buch arbeitete er bereits:

‚Wer wir waren.‘

Es wäre – aus der Perspektive einer gescheiterten Menschheit – eine schwärmerische Vision des Menschen und seiner Möglichkeiten gewesen.“

Es wäre wohl das 61. Buch geworden, doch es blieb unvollendet. Geschlossen hat sich jedoch Willemsens Lebenskreis, der zur Vollendung strebte. Wiederholt äußerte er vor seinen Freunden:

„Ich bin im Reinen“

Unter anderem äußerte er  die Quintessenz in einem Brief an seinen Verleger beim S. Fischer Verlag, der in Sequenzen in der Zeit abgedruckt wurde. Ein Brief, der im Frieden sein, mit allem was ist,  ausstrahlt. Liebevolle Zeilen von einem Menschen der seinen Tod angenommen hatte:

Am einem Sonntag, am 07. Februar 2016, schloss der Gevatter die Augen von Roger Willemsen

… und es starb ein leidenschaftliche Zeitgenosse wunschgemäß an dem Ort, an dem er lebte. Ich wünsche meinem Seelenverwandten dass sich nur teilweise erfüllte, was er sich wünschte und dass ihn seine Seele ihn in jenen Momenten an den Nordpol führte, an jenen Ort,

an dem die Welt ausgeleert ist und alle Farben weg sind. Ein Ort, an dem  alle Natur ausgelöscht scheint, nur noch Weißgrau, Mausgrau, ein leichter Goldschimmer vorherrscht.“

Außerdem wünsche ich ihm, dass sein Ende ein gutes war, das sich nach dem Nordpol eine Tür hinter dem Ende der Welt öffnete
und ihn in seiner Todesstunde neuen Räumen jung entgegen sandte,“

Eine elegante und liebevoll gestaltete Abschiedsfeier

sollte es werden, so war es der Wunsch des Künstlers. Wie kann es anders sein, hatte Roger Willemsen dieses letztes Projekt selbst federführend mit gestaltet. Die Trauer- Anzeige,  deren Leitgedanke der Autor selbst ausgewählt hatte, erschien im Hamburger Tageblatt und verkündete:

„‚Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten.‘
Die Beisetzung findet am 22. Februar in Hamburg statt. Die anschließende Beisetzung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit im engsten Familienkreis statt. Anstelle von Blumen für das Grab wünschen wir uns Spenden für den Afghanischen Frauenverein.“

Kunstvoll Abschied nehmen

Abschiedsfeier für Roger Willemsen, Foto dpa

Es wurde eine höchst persönliche Abschiedsfeier

wie die Medien berichteten. Sie fand in der 254 Personen fassenden Fritz – Schumacher – Halle im Bestattungsforum der Hamburger Friedhöfe statt. Sie ist die größte Feierhalle des Ohlsdorfer Friedhofs. Ein Abschiedsraum, der  durch sakrale Formen- sprache und kunstvollen Details berührt. Die bunten Glasfenster von Ervin Bossanyi tauchen die Fritz-Schumacher-Halle in ein wechselndes Licht aus warmen und kühlen Farben.

Ein wahrlich passender Ort, um einen leidenschaftlichen Zeitgenossen zu verabschieden.

Roger Willemsen

Ranunkel, Foto Wikipedia Archiv

Die Musik hatte Roger Willemsen selbst ausgewählt, genau wie die Dekoration des Raumes und die Auswahl der Blumen. Seine Lieblingsblumen, die Ranukeln und Magnolien umstanden den Raum um seinen Sarg. In den Südstaaten der USA nennt man Frauen, die sich durchbeißen und große Prüfungen bestehen, Magnolien aus Stahl…

Unter den Trauergästen waren viele Menschen, die ihn schätzten. Freunde und Wegbegleiter riefen Roger Willemsen etwas nach. Darunter auch der Afghanische Frauenverein, dessen Schirmherr er ja gewesen war. Und zum Schluss noch ein letztes Präsent vom Verstorbenen, der so gern schenkte: Er hatte verfügt, dass die Trauergäste  die Ranukeln, die seinen Sarg umstanden hatten, mitnehmen können.

Kunstvoll Abschied nehmen

Bewegt hatte ich mich dem Sterben und dem Tod von Roger Willemsen auseinander gesetzt und beschlossen, diese beiden Blogs zu schreiben und mich dann persönlich zu verabschieden.  Es brauchte lange, bis der günstige Augenblick in mir gereift war. Zufällig fiel der auf den 61. Geburtstag des Künstlers. An einem Freitag machte ich mich auf, kämpfte mich durch Staus von Rostock nach Hamburg. Neben meiner Verabschiedung wollte ich mich noch mit einer Mitarbeiterin des Ohlsdorfer Friedhofs treffen, um meinen kurz vorher angebahnten Kontakt für mein Herzensprojekt

„Kunstvoll Abschied nehmen – vom Sterben im Leben und im Tode- ein Fachbuch fürs Leben“

zu intensivieren. Mit Frau Dr. Scherres von Presseabteilung der Ohlsdorfer Friedhöfe hatte ich über eine mögliche Lesung entweder im Bestattungsforum oder, wenn es die Jahreszeit erlaubt draußen. Auch ein tolle Idee, wenn ich es mir so vorstelle. Blühender Rododendron und dazwischen Stühle an einem ausgewählten Grabmal oder auf einer Wiese …

Das einzige was bleibt, wenn wir gegangen sind, sind die Spuren von Liebe, die wir zurück lassen

Kunstvoll Abschied nehmen

Glockenturm für Opfer der Kriege

Ich hatte schon einiges über die Ohlsdorfer Friedhöfe und ihre Magie gehört. Aber das, was ich dann vorfand, überstieg meine Vorstellungskraft und alles, was ich bisher auf Friedhöfen erlebt habe, bei Weitem.

Es fing damit an, dass ich mit dem Auto mitten auf und durch den Friedhof auf bestimmten Straßen fahren durfte. Das dort zwei Buslinien verkehren. Das gab mir ein erstes Gefühl, welche Dimensionen dieser Friedhof haben muss.

Dann das Bestattungsforum.

Ein Gebäude, dass von außen robust wirkte und in mir die Vorstellung reifen ließ, dass dass Innere dieses Gebäudekomplexes die Dunkelheit des Todes in aller Schwere brigt. Und schon erwartete mich die nächste Überraschung, als ich ins Innere über das Cafe eintrat.

Kunstvoll Abschied nehmen

Auch wenn dieses Restaurant weniger die qurilige Athmosphäre eines Straßencafes ausstrahlte, so strahlt dieser Ort durch viel Glas und ein helle Raumausstattungen eine lichte und leichte Athmosphäre aus.

Leben und Tod dürfen hier wie im Einklang lebende Geschwister miteinander sein. Kaffeeduft zog mir in die Nase und leckere Kuchen ließen mir das Wasser im Mund zusammen laufen. Doch erst einmal war mein Ziel ein anderes. Ich fragte nach dem Weg, nahm den Weg durch einen Gang und gelangte in die großzügig gestaltete Empfangshalle des Bestattungsforums.

Staunend betrachtete ich die Kunst im Raum, sah viele Kerzen, Sitzgruppen die durch luftige Vorhänge in Räume abgeteilt werden können. Berührt ließ ich meine Blicke über schweifen und hörte das sanfte Plättschern eines Wassersfalls inmitten dieses großen Raumes.

Dann entdeckte ich auf der anderen Seite der Halle den Empfangsthresen und sah, dass ich bereits von einer jungen und charmanten  Frau erwartet wurde. Frau Dr. Scherres hatte mich angekündigt. Die Empfangsdame stellte sich mir als Ulrike Arnold,  Forums-Managerin vor. Wir verstrickten uns in ein Gespräch, ich fühlte mich sofort auf einer Wellenlänge und war gleichzeitig angetan, mit welcher Ernsthaftigtkeit und Hingabe ein so junger Mensch sich mit dem Tod auseinandersetzt.

Meine Staus am Wege hatten mich fünf Minuten vor Ultimum hier ankommen lassen.

So war die Zeit der Forums-Managerin begrenzt. Ich nahm das an, war dankbar für eine kurze Führung durch das Bestattungforum, bei der die Lady das eine mit dem anderen verband. Sie schloss alle Räume ab, kontrollierte ob alle Fenster geschlossen sind und löschte in dem einen oder anderen Raum das Licht.  Gleichzeitig erläuterte sie kurz, was ich sah. Auf diese Weise  bekam ich das Kolombarim – ein Raum für Urnen, die in Regalen stehen, die Aufenthaltsräume für Traurende und den Verbrennungsraum zu sehen. Denn auf den Ohlsdorfer Friedhöfen ist es sorgar möglich, dass die Hinterbliebenen bei der Einäscherung dabei sind. Es gibt kleine, persönliche Abschiedsräume, in denen Hinterbliebene ihren aufgebahrten toten Menschen so oft wie sie wollen besuchen können.

Kunstvoll Abschied nehmen

Forums – Managerin Ulrike Arnold

Alle Räume in dem Bestattungsforum sind so gestaltet, dass sie die Trauernden tragen. Das berührte mich zutiefst.

Dann durfte ich mir auch den Raum anschauen, in dem ich lesen soll.

Er gefiel mir. Und schon wurde ich aus meinen Gedanken gerissen und es ging weiter.

Kunstvoll Abschied nehmen

Abschiedsraum, in dem auch eine Buchlesung für Kunstvoll Abschied nehmen stattfinden soll.

Abschließend übergab mir Frau Arnold eine Karte mit den Koordinaten des Grabes von Roger Willemsen. In diesem Moment erinnerte ich mich daran, dass mir irgendwer gesagt hatte,  ich würde auch ein Foto des Grabes von Roger Willemsen bekommen. Und ich fragte mich wozu? Die Antwort auf diese Frage ließ nur unwesentlich lange auf sich warten.

Der Ohlsdorfer Friedhof gleicht in seinen Ausmaßen einer Nekropole

Das waren im Altertum Städte nur für die Toten. Diese stille Stadt in der Stadt, so wurde mir alsbald klar, schenkt uns Lebenden eine Anmutung davon, was das ist, die EWIGKEIT. Erlebbar auf einem 389  ha großen Gelände.

Dieser Friedhof ist der größte Parkfriedhof der Welt.  Langsam und in angemessenem Tempo fahre ich zu der Kapelle, an der ich mein Auto abstellen soll. Ich hätte auch einen der beiden Busse nehmen können. Aber so ist das Erlebnis der Stille noch eindringlicher. Ich bin eine der Besucherinnen, die eine der 235.000 Grabstätten dieses Friedhofes besuchen. Seit seiner Gründung Ende des 19. Jahrhunderts sind hier 1.400.000 Menschen bzw. ihre sterbliche Hüllen oder ihre sterblichen Überreste bestattet worden. Jährlich kommen 4.700 Beisetzungen hinzu.

Der Karte folgen und in die Ewigkeit eintauchen sind eins.

Eine atemberaubende Anlage, in der Sichtachsen den Blick in die Weite freigeben oder schiere Wälder aus Rhododendron einzelne Bereiche wie einen verwunschenen Garten erscheinen lassen. Dieser Park besticht durch seine Symbiose scheinbarer Verwilderung und achtsamer Pflege. Eine Gartenlandschaft, die aus hunderten Arten von Laub– und Nadelgehölzarten besteht, die eine ganz natürliche Verbindung mit Teichen, Bächen, historischen Kapellen, Denkmälern, Grab- und Mahnmalen, Themengrabstätten, Mahnmalen für den Frieden und moderner Kunst eingehen.
Ein Ort, an dem Menschen Patenschaften für alte Grabmale übernehmen und sich selbst dann dort bestatten lassen. Durchwoben wird dieser Hauch der Ewigkeit vom Gezwitscher ungezählter Vogelarten und dem Geplätscher der Wasserläufe und Brunnen. Ein Park, dem ich mich einfach nur hingeben möchte, um ihn zu erspüren und zu erfahren.
 Charakteristisch für die Struktur der Anlage sind schnurgerade, in exakter Ost-West- bzw. Nord-Süd-Richtung verlaufende sowie gleichmäßig sanft gebogene Straßen und Wege mit dazwischen liegenden schachbrettartig angelegten Parzellen. Das durchweg von Pflanzen gesäumte Straßensystem wird durch Kreisel aufgelockert. Neuere Anlagen sind unter anderem Schmetterlingsgräber, Kolumbarien und Paar-Anlagen.Die Kapelle, an der ich mein Autor abstellen soll, ist gefunden.
Meine Karte in die Hand nehmend, mache ich mich auf den Weg, in der Hoffnung nun bald am Grab von Roger Willemsen stehen.

Da diese Karte ja nur Anhaltspunkte gibt, bitte ich meine innere Stimme mir doch den Weg zu weisen. Doch ich bin von allem irgendwie gestresst. Da  misslingt es meiner inneren Stimme zu mir durch zu dringen. Ich bin unsicher zweifle, bin genervt und misstraue meiner inneren Stimme als die an einem wundervollen bronzenen Grabmal über einen Impuls zu verstehen gibt:

„Irene, du musst jetzt links abbiegen.“

ICH weiß es besser und glaube kaum, dass so ein verwunschener Weg zu Roger Willemsens Grab führen soll. Ich gehe weiter den eingeschlagenen Weg entlang, habe irgendwann das Gefühl zu weit zu sein. Ich bin in einem weitläufigen Gelände angekommen nach den vielen Buschlandschaften. Ich kann nur noch loslassen, denke sowas wie:

„Ok, dann komme ich eben noch einmal. Aber vielleicht könntest du mir ja einen Menschen schicken Göttin, der mir den Weg zum Grab erklärt.“

Kaum habe ich das gesagt, kommt über den total leeren abendendlichen Friedhof ein Mann mit einer Gießkanne hinter einem Gebüsch vor. Der Mann wirkt auf mich wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Durchscheinend, dünn, graue lange Haare. Eine zarte Stimme, die mehr im Jenseits, denn im Diesseits unterwegs zu sein schein. Ich frage ihn, ob er wüßte, wo das Grab ist. Und er sagt:
„Moment, ich bringe nur meine Gießkanne weg und dann führe ich Sie hin. Schwer zu finden.“
Nur wenige Minuten später ist er zurück. Er freut sich, einen Gesprächspartner gefunden zu haben. Schon legt er los in die Stille hinein, berichtet von seinem Herzensmenschen, den das Leben ihm schenkte und  viel zu früh nahm. Den er jetzt immer besuchen kommt. Und dann sagt er noch, dass er hier auf dem Friedhof lieber ist, als draußen in der Welt. Er verrät mir wie dieser Park am besten zu erkunden ist:
„Sich einfach hingeben und sich treiben lassen.“

Auf dem Weg zu Roger Willemsens Grab weichen wir immer wieder vom Wege ab, weil er mir besondere Grabmale zeigen will. Die versteckten alten prunkvollen Anlagen alter  hanseatischer Kaufleute, zauberhafte Plastiken wachender Engel und graziler Mädchenfiguren inmitten von Rhododendron. Er macht mich aufmerksam auf witzige Grabinschriften und zeigt mir das Grab von dem berühmten Hagenbeck, der den Hamburger Zoo gründete. Dabei erwähnt er, dass Diebe den  schlafenden bronzenden Löwen Hagenbecks gestohlen haben.

Er weist mit der Hand den Weg zu einer Grabanlage für die an Aids verstorbenen Hamburger … eine Anlage für die arabischen Menschen unseres Stammes … und er würde mir gern noch mehr zeigen und noch mehr erzählen … Und da hält er inne und ist wieder mit trauriger Stimme bei seinem Herzensmenschen, steht da inmitten dieses verwunschenen Gartens Eden und die Sonne scheint durch ihn hin durch. Dann ein Brunnen mit einem hölzerenen Kreuz, damit Vögel Wasser trinken können und links wo das Herz beim Menschen backt, ein Grab in Herzform. Ein Grab voller Blumen in allen Farben des Regenbogens.

„Das ist das Grab von Roger Willemsen,“

sagt meine Erscheinung. Er will noch weiter erzählen und sanft vermittle ich ihm, dass ich jetzt gern alleine wäre.

Roger Willemsen

Grabstelle Roger Willemsen

Eine Weile braucht er noch, dann versteht er und ich bedanke mich ganz herzlich dafür, dass er mich bis hier hin gebracht hat. Nun bin ich also endlich angekommen und packe meine Blumen aus. Mein flachsfarbener Rosenstrauß fügt sich wie ein Puzzel in dieses Herz aus Blumen. Die Grabstelle hat diese Form. Vorn steht ein Schild, dass dieses Grab von den Ohlsdorfer Friedhöfen gepflegt wird und gleich daneben liegt ein Herz mit roten Glitzersteinen eingefasst.

Nachdem ich nun alle Aktivitäten hinter mir gelassen habe verstehe ich, warum ich ein Bild hätte mitnehmen sollen vom Grab. Ohne fremde Hilfe wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass dieses Grab Roger Willemsens sterbliche Hülle in sich brigt.

Während ich dem vielstimmigen Chor der Vögel dieses Parks lausche, lasse ich meinen Gedanken freien Lauf. Ich komme endlich wieder bei mir selbst an und bin ganz ruhig. Ich werde eins mit allem, was hier ist und habe das Gefühl, ich bin aus der Zeit gefallen und ein Teil der Ewigkeit.

So wie es nun auch Roger Willemsen ist. Es ist eigenartig, während ich dort stehe, nur einen halben Meter Abstand vom Grab des leidenschaftlichen Zeitgenossen entfernt, kann ich die Liebe fühlen die das, was Roger Willemsen in seinem tiefsten Inneren war, noch immer mit dieser Welt verbindet. Die Blumen auf seinem Grab zu seinem Geburtstag künden als Liebesgedanken der Natur davon, wie viele Menschen sich mit ihm verbunden fühlen.

Ich gehe in ein Zwiegespräch mit Roger Willemsen und bedanke mich für sein Sein, seine Werke und das, was ich von ihm lernen durfte. Dann höre ich auf zu denken und bin nur noch. Mir ist unkar, wie lange dieser Zustand  angehalten hat. Irgendwann folge ich einem inneren Impuls, packe meine Sachen zusammen und

verneige mein Haupt vor Roger Willemsen

Dann mache ich mich auf den Rückweg. Es dämmert langsam und gehe zwischen den Rhododendronbüschen hindurch auf den Hauptweg. Und wo stehe ich!?  An der wundervollen Frauenskulptur, an der ich den Impuls bekam, doch links abzubiegen. Ein Fuchs läuft mir scheu über den Weg, dann stehe ich wieder an meinem Auto, setze und fahre los. In einer Kapelle, die zum Kolombarium umgebaut wurde, brennt Licht.

Ein wundervoller Tag neigt sich seinem Ende zu. Ich bin dankbar, mich auf den Weg gemacht zu haben und ich weiß, dass ich diesen magischen Ort noch des Öfteren besuchen werde.
Weiterführende Links

Roger Willemsen und sein allerletztes Interview
In diesem Interview sprach er über die Zeit nach seinem Tod.

Roger Willemsen in der Wikipedia

Kunstvoll Abschied nehmen – vom Sterben im Leben und im Tode

Die Zeit
Ein Nachruf

Jörg, hier ist Frohsinn
Zeit online ein Nachruf von Jörg Bong

Literaturcafè.de
Ein Nachruf

Der Autor plaudert aus dem Nähkästchen
Frankfurter Allgemeine Feuilliton – Der Knacks

Roger Willemsen ist auf einmal tot –
Sascha Lobo

Wie man Trauergäste beschenkt
Zeit – Iris Radisch

Ohlsdorfer Friedhof
Hamburger Friedhöfe

Irene Wahle ist seit 2004 freiberuflich als Biographin im deutschsprachigen Raum tätig. Sie schreibt und produziert in Kooperation mit ausgewählten Netzwerkpartnern kostbar gestaltete Biographien, Lebens-Zwischen-Bilanzen und Firmenchroniken. 2008 wurde sie für die von ihr geschriebenen Lebenserinnerungen: „Kandelaber-Heckmann “ mit dem 1. „Deutschen Biographiepreis“ ausgezeichnet. BiographinIW ist als Expertin für Lebens – und Unternehmensbücher ins „Netzwerk der Besten | Großer Preis des Mittelstands“ aufgenommen worden. Mit ihrer Arbeit setzt sich Irene Wahle dafür ein, Leben zu klären, Erinnerungen als wichtigen Bestandteil unserer Kulturgeschichte zu bewahren, Lebensleistungen zu würdigen und Visionen zu entwickeln. Tel. +49 381 68 63 874 biographie[at]irene-wahle.de

Eine Antwort auf Roger Willemsen und die Ewigkeit

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