„Krieg und Frieden im Dornröschenschlaf“

Auf welche Geschichte Eine so stößt in der Biographiearbeit ist wirklich interessant. Nachfolgend erzähle ich Ihnen mit freundlicher Genehmigung des „Kandelaber-Heckmann“ die Episode über Krieg und Frieden, die im Dornröschenschlaf ruhten. Eine Geschichte über kunstvolle Lichtträger, Wertschätzung und das es manchmal lebensrettend sein kann, im Verborgenen zu ruhen …

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Kandelaber am Berliner Reichstag, Foto: Tschogib./Wikipedia

Im „Kandelaber-Heckmann“ den Lebenserinnerungen des Berliner Beleuchtungsexperten lesen wir auf Seite 277

„Genauso kunstvoll wie die Laterne Parisienne sind für mich die zwei gut erhaltenen, großartigen Orginalkandelaber von August Vogel. Für mich zwei bedeutende Werke der deutschen Bildhauerkunst aus der Wendezeit des 20. Jahrhunderts. Die beiden Lichtständer stehen am Ostportal des Reichstages. Für ihre Herstellung bezahlte die Stadt 65.000 Goldmark. Ein hübsches Sümmchen, doch den Berlinern das Geld wert, um auf der Weltausstellung in Paris 1900 zu glänzen. Nach Beendigung der Ausstellung bekamen sie über 89 Jahre ihren unverrückbaren Platz am Reichstag und überstanden trotz der starken Bombardements auf unsere damalige Reichshauptstadt  den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet.

Mit der Teilung Deutschlands 1961 fielen „Krieg“ und „Frieden“ in einen Dornröschenschlaf, denn seit dem standen sie in der Demarkationslinie. Nichts ist ja so schlecht, dass es nicht auch etwas Gutes hat. Uns allen war der Blick auf die Werke deutscher Bildhauerkunst verwehrt, doch sie blieben derart geschützt, fast vollkommen erhalten. Die beiden Kandelaber sind ihrem Aussehen nach gleich, doch in den krönenden Figuren unterschiedlich. Der südliche zeigt sinnbildlich den Friedensruhm, der nördliche den Kriegsruhm. Zwei Frauenköpfe befinden sich unterhalb er Laternenarme. Sie symbolisieren Licht und Dunkelheit. An der Säulenbasis befinden sich vier kleine Köpfe, die die vier Tageszeiten darstellen. Am Hauptsockel zeigen sich vier Kindergruppen und erzählen von Musik und Gesang, Tanz und Frohsinn, Freude und Treue, von Freundschaft und Liebe. Mich selbst beeindrucken diese unvergleichlichen Lichtständer, die mich eher an Skulpturen, denn an Kandelaber erinnern, in ihrer Gestaltung, Aussage und ihrer Harmonie im Gesamtkomplex des Reichtages.

Für Vallot, den Architekten des hohen Hauses war es selbstverständlich gewesen,
den Bildhauer August Vogel in die Planungen einzubeziehen. Ihre Einmaligkeit führte dazu, dass ich „Krieg“ und „Frieden“ nie, trotz Dornröschenschlaf, aus meinem Blickfeld verlor. Im 1979 wagte ich mit Herrn Klaus Rappsilber, unserem Fotografen, einen mutigen Vorstoß um die neuesten Schnappschüsse für die Ausstellung „300 Jahre Stadtbeleuchtung“ zu zeigen. Herr Rappsilber hängte sich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Fenster, um die Objekte unserer Begierde abzubilden. Nach der Ausstellung fielen die beiden Lichtständer  für weitere zehn Jahre in ihr behütetes Schattendasein, bis sie ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rückten.

Anfangs in den Kreis weniger Menschen, den Reichtagsumgestaltern.
Der Dornröschenschlaf war beendet. Die Ausschreibung für den Umbau gewann ein Herr Forster und in seinen Plänen, fehlten die Kandelaber vollends. ‚Was für eine Freveltat!‘ Für mich war Handlungsbedarf angesagt. Ich wurde tätig und musste zu meinem Bedauern feststellen,  dass die Kandelaber an der Westseite bereits abgebaut waren. Nachfragen von interessierten Mitbürgern, darunter auch meine, hatten in der dafür zuständigen Bundesbauverwaltung zu keinem Ergebnis geführt. Sie blieben verschwunden und ich fürchtete wohl zu Recht, dass es im nächsten Schritt von „Krieg“ und „Frieden“ keine Spuren mehr geben würde. Wie ich bei einem meiner Besuche feststellte, lagen sie zu  jenem Zeitpunkt bereits nahe der östlichen Reichstagsmauer platt auf der Seite.

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Kandelaber am Berliner Reichstag, Foto: Tschogib. Wikipedia

Was konnte ich bloß tun, um sie zu retten?
Zu diesem Zeitpunkt verhüllten Jean Claude und Christo den Reichstag und boten mir damit den treffendsten Anlass für einen Bericht in der Fachzeitschrift Licht, für die ich seit Jahren immer mal wieder einen Artikel schrieb. Mit ihrer Auflage erreichte die Zeitschrift in Deutschland, Frankreich und England 20.000 an der Welt des Lichtes interessierte Menschen. Das war mir das passende Podium um auf das Schicksal  des Ruhmes um „Krieg“ und „Frieden“ aufmerksam zu machen. Vielleicht gab es noch andere Initiativen, doch diese war sicherlich eine, um den beiden Kunstwerken den ihn gebührenden Platz einzuräumen.

Auf jeden Fall zeigte sie Wirkung. Die beiden 2,64 Tonnen schweren und 8,20 m hohen Maste wurden vom  Reichstag nach Spandau verfrachtet und dort zwischengelagert. Einige Zeit später wurden sie in Freital restauriert. Als ich davon hörte, sandte ich der Bundesbaubehörde einen meiner speziellen Briefe aus dem Archiv, der mehrere Aufnahmen von Rappsilber enthielt. Die Behörde bedankte sich in einem Brief bei mir: „… Ihre Fotos haben gute Dienste geleistet. Wir haben durch eine Ausschnittsvergrößerung eines Siegeskranzes nunmehr eine gute Grundlage für die Replikte.“ Mit demselben Schreiben erhielt ich eine Einladung zur Wiederaufstellung der beiden Kandelaber. Diese Ehrung freute mich, doch wieder mal fehlte ich zu einem wichtigen Ereignis.

So übergab Wolfgang Thierse ohne mich „Kriegsruhm“ und „Friedensruhm“  ihrer Bestimmung. Vielleicht auch der, zu zeigen, dass das Leben Licht und Schatten ist und das das eine das andere bedingt.

Weiterführende Links
Biographie von Autorin schreiben lassen
Bildhauer August Vogel
Kunstgießer Paul Stotz

P.S. Nach Jahrenden will ich die Reichstags-Kandelaber besuchen und … es ist wieder unmöglich sie aus der Nähe zu betrachten. Das wunderbare Gebäude, dass dem Deutschen Volke gewidmet ist, ist von Sicherheitszäunen an Vorder- und Hinterfront umzingelt. Wachmannschaften patrollieren. Eingang ins Gebäude nur mit vorheriger Anmeldung in einem dafür geschaffenen Raum vor dem Reichstag. Schlange stehen und durch Sicherheitskontrollen gehen. „Oh mein Gott!“
Ich wünsche uns allen, dass die Zeit der Extreme sein Ende findet und anstatt der Angst wieder Vertrauen in uns allen Oberhand gewinnt und wir wieder fröhlich und frei diesen Ort, der uns gewidmet ist, betreten können.

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Irene Wahle ist seit 2004 freiberuflich als Biographin im deutschsprachigen Raum tätig. Sie schreibt und produziert in Kooperation mit ausgewählten Netzwerkpartnern kostbar gestaltete Biographien, Lebens-Zwischen-Bilanzen und Firmenchroniken. 2008 wurde sie für die von ihr geschriebenen Lebenserinnerungen: „Kandelaber-Heckmann “ mit dem 1. „Deutschen Biographiepreis“ ausgezeichnet. BiographinIW ist als Expertin für Lebens – und Unternehmensbücher ins „Netzwerk der Besten | Großer Preis des Mittelstands“ aufgenommen worden. Mit ihrer Arbeit setzt sich Irene Wahle dafür ein, Leben zu klären, Erinnerungen als wichtigen Bestandteil unserer Kulturgeschichte zu bewahren, Lebensleistungen zu würdigen und Visionen zu entwickeln. Tel. +49 381 68 63 874 biographie[at]irene-wahle.de

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