Ich will Flügel, damit ich fliegen kann, wohin ich will (3)

Lesen Sie heute Teil 3 von Laras bewegender Abschiedsfeier.  ( Hier geht es zu Teil 1 und zu Teil 2 )

Die Abschiedsfeier fügte sich Puzzelstein für Puzzelstein zusammen. Einmal mehr in meinem Leben hatte ich das Gefühl, Gottes Hand führte uns alle zusammen mit unseren einzigartigen Gaben, um eine kleine, große Seele zu verabschieden.

Da waren die Kinder aus Laras Kindergarten

Sie bastelten Sterne, die den Sternenhimmel aus blauem Stoff unter Laras „Wolkenbett“ schmücken sollten. Als Wolkenbett beschrieben Mütter ihren Kindern Laras Sarg. Die Bürgermeisterin, die sich einst in die Knochenmarks-Finder-Kampagne einbrachte, wollte sprechen. Mein Gefühl sagte mir, dass unzählige Menschen zu dieser Abschiedsfeier kommen werden und das es möglicherweise regnet. Diesen Impuls brachte ich ein und es fand sich gar balde ein Sponsor für die entsprechende Lautsprecheranalge. Ein anderer Mensch brachte sich mit einem den Kirchplatz überspannenden Festzelt ein …

Sandra selbst hatte die Idee, den Vorplatz der Kirche mit Schwedenhölzern dass sind gespaltene Holzklötze, in die Fackeln gesteckt werden – zu umsäumen und im Gemeinderaum einen Tisch aufzustellen, auf dem Laras Kunstwerke und ihre Plüschtiere als Erinnerungsstücke bereit liegen sollten.  Laras Freundin Lisa bemalte wie durch göttliche Fügung genau zum richtigen Zeitpunkt Laras weißen Sarg mit einer schlafenden pinkfarbenen Elfe mit ellenlangen schwarzen Haaren – die sich Lara nach den vielen Chemos immer wünschte – und einem kleinen schlafenden Einhorn.

Gott fügt diesen Abschied mit eigener Hand

Laras Sarg, Foto BiographinIW

Als Lisa den letzten Pinselstrich an Laras Sarg vollbracht hatte, starb Lara. Dank der guten Vorbereitung konnte sich die Familie jetzt dem Abschied widmen und Lara die gesetzlich möglichen 36 Stunden zu Hause zu behalten. Laras rosarotes, fröhlich buntes Kinderzimmer verwandelte sich nun in ihren Abschiedsraum.

„Lara lag, erlöst von ihrem Schmerz, in ihrem rosaroten Balettkostümchen mit Puppe Lilifee auf ihrem Bett. Sie sah aus, als ob sie schläft, während ein Lächeln ihre Züge umspielte“,

wie mir Laras Oma Silvia in etwa berichtete. Sie erzählte mir auch, wie viele Menschen der Gemeinde gekommen waren, um Abschied von diesem kleinen Zauberwesen zu nehmen.

 

Laras letztes Fest

Abschiedsfeier Lara, Foto: BiographinIW

fand drei Tage später statt. so wie es in jener Gegend bei Erdbestattungen vorgeschrieben ist, statt. Ab  späten Vormittag diesen Tages bereiteten wir über mehrere Stunden die Kirche für die Trauerfeier vor. Die Rück – und Seitenwände schmückten Laras Bilder und erzählten auf ihre Weise die Lebensgeschichte der leidgeprüften Zaubermaus. Vor dem Altar lag nun, dunkelblau glänzend und schimmernd der Sternenhimmel, auf dem kurz vor Beginn der Veranstaltung Laras weißer Sarg gestellt wurde. Sandra, selbst Floristin, hatte ein traumhaft schönes Gesteck aus rosefarbenen und weißen
Rosen, die ein luftig-zartes Paar Flügelchen zierte, machen lassen. Links daneben in einer Ecke, in der sonst das weihnachtliche Krippenspiel steht, strahlte weithin sichtbar ein auf A3 vergrößertes Bild von Lara auf ihrem Einhorn in den Raum. Diese Abbildung lehnte sich an Laras großes Plüsch-Einhorn auf dem die Puppe Prinzessin Lillifee Platz genommen hatte. Genau in dieser Ecke suchte sich Laras Onkel Ingo seinen Platz, um von dort aus ein letztes Mal der kleinen Nichte seine Lieder vorzutragen. Den Gang zwischen den langen Reihen spartanischer Holzbänke hatten wir mit Stäben versehen, die kleine rosafarbene Filzkrönchen schmückten, an denen rosafarbene und weiße Bänder luftig- lustig im Windhauch flattern. Vor jeder zweiten Stuhlreihe standen in großen Dekogläsern dicke rosafarbene Kerzen.

Ich hatte das Gefühl: wir verabschieden eine Prinzessin

Zwischen dem Sarg und Laras Bild stand das Becken, indem die Maid einst die Taufe erhielt, verhüllt gelben Stoff und mit einem Gesteck aus rosanen und weißen Rosen geschmückt. Die rechte Seite der Kapelle vorn ist frei von Dekorationen, um  der Predigerin und mir Raum für Gottes Wort und für Laras Geschichte zu geben.

Als das Fest begann, standen Sandra, Frau Schulte und ich an der Kirchtür, um die Menschen zu begrüßen, die bald zahlreich in die Kirche strömten. Ihr Strömen wurde von lautstarkem Glockengeläut untermalt. Es schien mir, als wollten die Glocken mit allem Dröhn der in ihnen steckt, den Schmerz dieser Menschen in die Welt tragen. Bald darauf zündeten Männer und Frauen mit sprachlos-traurigen Gesichtern und andächtig schauende Kinder kleine Teelichter an, nahmen einen der gebastelten Sterne entgegen, um beides still zu Laras kleinem Sarg auf dem blauen Sternenhimmel zu tragen. Etwa 30 min später flackerten und leuchteten mehr als 250 kleine Lichter wie Sterne in der Nacht hoffnungsvoll in die Trauer der Menschen.

Die Sonne im Leben von vielen Menschen

Die Pfarrerin, die mit ihrer Präsenz und dem langen schwarzen Talar die Würde ihres Amtes ausstrahlte, eröffnete die Abschiedsfeier und übergab mir dann das Wort, damit ich mich vorstellen und meine Anwesenheit erklären konnte. In das danach entstehende Schweigen hinein sang Laras Onkel Ingo eines von Laras Lieblingsliedern: „Hear cames the sun“, dass anstelle der eigentlich für Kirchen üblichen Orgelklänge erklang.

An das Lied schlossen  sich pastorale Worte an, die dann wieder von einem Lied, dieses Mal von einem Kinderlied, abgelöst wurden. Komponiert von Ingo selbst. Der Text so fröhlich, dass ich schmunzeln muss. Es ging darum, dass Katzen einfach langweilig seien. Besser sei es, sich einen Drachen als Haustier zu halten, den könne man ja wenigstens noch als Regenschirm benutzen. Doch die Athmosphäre von sonniger Gelassenheit, gepaart mit ohnmächtiger Stille in diesem Raum ließ  mein Lächeln still einfrieren.
Stille folgte der traurigen Beschwingtheit, in die hinein die Pastorin einen Psalm spricht und anschließend, ob der vielen anwesenden Kinder, aus der Kinderbibel vorliest. Es dreht sich um die Auferstehung Jesus. Dann bin ich an der Reihe, die Pastorin nickt mir zu und ich darf nun ihren Platz auf der Kanzel einnehmen.

[Hier geht es zu Teil 1 und zu Teil 2 ]

[Hier geht es zu Teil 4]

Weiter Informationen
Trauerfeiern in persönliche Abschiedsfeiern verwandeln
Seelenvögel
Berührender Film über das Sterben von Kindern, der eigentlich ein Film über das Leben ist

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Irene Wahle ist seit 2004 freiberuflich als Biographin im deutschsprachigen Raum tätig. Sie schreibt und produziert in Kooperation mit ausgewählten Netzwerkpartnern kostbar gestaltete Biographien, Lebens-Zwischen-Bilanzen und Firmenchroniken. 2008 wurde sie für die von ihr geschriebenen Lebenserinnerungen: „Kandelaber-Heckmann “ mit dem 1. „Deutschen Biographiepreis“ ausgezeichnet. BiographinIW ist als Expertin für Lebens – und Unternehmensbücher ins „Netzwerk der Besten | Großer Preis des Mittelstands“ aufgenommen worden. Mit ihrer Arbeit setzt sich Irene Wahle dafür ein, Leben zu klären, Erinnerungen als wichtigen Bestandteil unserer Kulturgeschichte zu bewahren, Lebensleistungen zu würdigen und Visionen zu entwickeln. Tel. +49 381 68 63 874 biographie[at]irene-wahle.de

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