Ich will Flügel, damit ich fliegen kann, wohin ich will (2)

Lesen Sie heute den 2. Teil der Geschichte von Laras Abschiedsfeier.  [ Teil 1 der Geschichte ]

Lara ist das schönste Geschenk, das uns unsere Sandra machen konnte,“

sagte mir die Oma des kleinen Wildfangs. Und sie fügte liebevoll hinzu:

Sie ist mir so nah, wie ein eigenes Kind und wir sind dankbar für jeden Augenblick den wir mit ihr verbringen dürfen“.

Immer wieder nahm ich den Gesprächsfaden mit Sandra auf, um Einzelheiten aus dem bewegenden Leben eines kleinen Menschen, der mit seinem intensiven Hunger nach Leben und Lebensfreude  die ganze Familie, die Gemeinde und eine ganze Region in Bann zog.

Der schwärzeste Tag im Leben einer Familie

Berührt nahm ich Anteil am schwärzesten Tag im Leben der Familie, als Laras Diagnose –  Leukämie -feststand.  Gleichzeitig war ich tief beeindruckt, wie alle Familienmitglieder gemeinsam nach inneren Kämpfen dieses Schicksal voller Zuversicht annahmen.  Hörte davon,  wie viele Menschen für das kleine Geschöpf beteten. Für Gesundheit und einen passenden Knochenmarksspender. Eine Aktionen wurde gestartet, Benefizveranstaltungen organisiert und ungewöhnliche Wege beschritten, um der kleinen rosaroten Glitzerfee Lara Heilung zu schenken.

Tief bewegt notierte ich den Ausgang aller Anstrengungen

Es wurde ein  Knochenmarks-Spender für Lara in Grönland  und weitere 16 an Leukemie erkrankte Menschen gefunden. Für Lara kam die Hilfe zu spät.  Stille folgt auf diese Offenbarung und in diese Stille hinein spricht Sandra  eine Erkenntnis, die nur der Mensch gewinnen kann, der alle alle Wege bis zur Neige ausgeschöpft hat:

Selbstbildnis, Lara Putz

Wir haben gekämpft, geweint, gehofft und gebangt. Wir haben alles versucht was möglich war und noch mehr … und Lara schlussendlich vertrauensvoll die Entscheidung überlassen.… Möge Gott sie heilen, was dem Menschen unmöglich geworden ist.“

Diese Gedanken lasse ich lange in mir wirken. Spüre was sie in mir bewegen. Respekt und Achtung vor soviel innerer Reife und unendliches Mitgefühl.  Gleichzeitig erahne ich schemenhaft durch Sandras Bericht, welche Dichte Leben diese  Herausforderung dieser Familie geschenkt hat. Vor meinem inneren Auge formen mir Sandras Gedanken das Bild eines sieben Lenze zählenden Wesens, dass in den ungefähr 2650 Tagen seines Dasein auf Mutter Erde jeden Augenblick so intensiv gelebt zu  hat, als so einige 95 Jährige, die ich getroffen habe.  Irgendwann verstummen die Worte. Die junge Endzwanzigerin steht auf, geht zu einem Schrank und holt ein Video heraus.

Lauras Stern

Zu mitten ins Herz gehender Musik läuft der Zeichentrickfilm: „Lauras Stern“  Der Streifen erzählt die Geschichte eines kleinen Mädchens, das mit seinen Eltern in einen neue Stadt zieht und dort  ohne Freunde ist. Bis ein Stern vom Himmel fällt, dem dabei eine Zacke ausbricht. Laura freut sich riesig, nimmt den Stern mit und verarztet die verletzte Stelle. Nun hat sie einen Freund. Doch der Stern verliert Tag für Tag an Kraft, denn seine Welt ist ja der Himmel. Sonne und Mond reden dem kleinen Mädchen zu:

„Habe Vertrauen Laura, lass los und deinen Stern in seine Welt zurück kehren, damit er wieder zu Kraft kommt.“

Vor Rührung beginne ich zu weinen, denn dieses Gleichnis empfinde ich wie ein himmlisches Zeichen. Mein erster Impuls: „Lassen sie uns die Abschiedsfeier am Abend machen unter dem Sternenhimmel“.  Darauf antwortet Sandra: „Aber wenn nun der Himmel mit Wolken bedeckt ist?“ Worauf ich sage: „Haben Sie Vertrauen. Es wird der schönste Sternenhimmel sein, denn sie jemals gesehen haben“. Als wir fertig sind, alles abgesprochen haben, stelle ich eine letzte Frage, die ich eher als Anregung auf den Weg geben möchte, als jetzt schon eine Antwort zu haben.

„Wofür sind sie Lara dankbar?“

Damit sich mein Bild über Lara abrundet, bitte ich Sandra, mir Laras Kinderzimmer zu zeigen. Sie erfüllt mir meine Bitte und so lasse ich meine Blicke durch das pinkfarbene Domizil der kleinen Prinzessin wandern mit den bunten Einhornbildern, dem Krankenbett, allerlei Spielzeug  und einem prächtig gefüllten Kleiderschrank. Anschließend  fahren wir zur Kirche, besichtigen sie von innen, besprechen erste Abläufe mit der Pastorin. Dann bringt mich Sandra zum Zug und ich fahre wieder nach Hause.

Wochenlang erarbeiten wir gemeinsam das Abschiedsfest

In den folgenden Wochen arbeite ich telefonisch und via Mail intensiv mit allen Beteiligten zusammen.
Sandra hat auf Empfehlung einen Bestatter gefunden, der sich von der ersten Minute an engagiert einbringt und während der ganzen Zeit harmonisch mit mir Hand in Hand arbeitet. Dafür bin ich ihm überaus dankbar. Vereinbarungsgemäß tausche ich  mich mit der Pastorin aus, frage welche Plätze wir in der Kirche nutzen können, welche tabu sind. Wir reden darüber, welche Rituale in der kirchlichen Abschiedszeremonie vorgeschrieben sind und welche Abweichungen erlaubt sind.  Nachdem ich Sandra ein Gesamt-Konzept vorgeschlagen habe, feile ich es gemeinsam mit ihr aus: wir nehmen neue Ideen auf, arbeiten die Hinweise der Pastorin ein und wandeln ursprüngliches ab.  Die letzte Entscheidung über Ablauf und Inhalt der Feier liegt bei Sandra. Neben allem sende ich Sandra hin und wieder Geschichten und Informationen über das Sterben und den Tod zu, die Sandra und die Familie darin unterstützen sollen, loszulassen.
Im Laufe der Zeit beteiligten sich immer mehr Menschen an der Vorbereitung für Laras Abschiedsfeier, um der Familie zu helfen und ihrer eigenen Ohnmacht Raum zu geben.

[Lesen Sie in der nächsten Woche Teil 3 dieser Geschichte]

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Irene Wahle ist seit 2004 freiberuflich als Biographin im deutschsprachigen Raum tätig. Sie schreibt und produziert in Kooperation mit ausgewählten Netzwerkpartnern kostbar gestaltete Biographien, Lebens-Zwischen-Bilanzen und Firmenchroniken. 2008 wurde sie für die von ihr geschriebenen Lebenserinnerungen: „Kandelaber-Heckmann “ mit dem 1. „Deutschen Biographiepreis“ ausgezeichnet. BiographinIW ist als Expertin für Lebens – und Unternehmensbücher ins „Netzwerk der Besten | Großer Preis des Mittelstands“ aufgenommen worden. Mit ihrer Arbeit setzt sich Irene Wahle dafür ein, Leben zu klären, Erinnerungen als wichtigen Bestandteil unserer Kulturgeschichte zu bewahren, Lebensleistungen zu würdigen und Visionen zu entwickeln. Tel. +49 381 68 63 874 biographie[at]irene-wahle.de

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