Heimo Schwilk beschreibt Leben und Werk von Hermann Hesse

Lese gerade „Hermann Hesse Das Leben des Glasperlenspielers“

Eine der Biographien, für die ich mir unendlich viel Zeit nehme. Bisher so an die zwei Monate. „Warum das?“, fragen Sie sich  vielleicht verehrte Leserinnen und Leser. Diese Monografie, also ein alle Werke und das Leben des Autors beleuchtende Arbeit,  von Heimjo Schwilk besitzt eine Tiefe, die Hermann Hesse ein ehrendes Denkmal setzt. Gedanklich wandere ich lesend und reflektierend durch das Werk, dass eine wahre Fundgrube für Schriftstellerinnen und Schriftsteller ist.

Beispielsweise finde ich Inspirationen darüber, wie lange und mit welchen Reifungsprozessen Hermann Hesse an einem Buch arbeitete.  Aber auch, in welche Auflagen seine Bücher produziert wurden und welche Autorenhonorare er erzielte uvm.

„Hermann Hesse – das Leben des Glasperlenspielers“

ist ein ein Werk, in das sich ein Seelenverwandter empathisch, kreativ und mit hohem Sachverstand eingebracht hat. Es überzeugte mich gleichermaßen durch den hohen Reflektionsgrad des Autor, der uns dadurch einen Meister der Feder des zwanzigsten Jahrhunderts in Leben und Werk nahe bringt: Einen Menschen, der auch Jahrzehnte nach seinem Tod zu den meistgelesenen Autoren der Weltliteratur zählt.

Wahrscheinlich auch deshalb, weil wir Leser uns

in dem inneren Ringen von Hesses Romanfiguren, ihren Geschichten und Fragen wieder finden. Weil es gleichzeitig Geschichten sind, die Hesses Menschwerdung wiederspiegeln.

Ich finde mich in meinem langen Leidensweg wieder, genau wie in dem Ansatz aus meinem Schmerz kreativ zu schöpfen. Aber auch in der liebevollen Hinwendung zur Welt des Geistes. Mich fasziniert Hesses „Stufen-Gedicht“, welches Bestandteil seines finalen Werkes:

„Das Glasperlenspiel“ ist.

Diese Monografie birgt in jedem Wort und jeder Zeile  substanzvolle Gedanken, so dass es ein Fest ist, dieses Buch zu lesen. Heimo Schilk gelingt es Aussagen auf der Basis akribisch zusammengetragner Quellen vom Autor selbst, seinen Eltern, den Geschwistern, seinen beiden Frauen, seinen Söhnen, dem Verleger Samuel Fischer, Freunden etc mit seinem geistigen Lehm als Biograph zu verbinden. Das ist die hohe Schule der Biographiearbeit.

Während ich durch die Zeilen wandere ziehe ich immer wieder den Hut vor dieser Sysiphusarbeit, die einem Puzzelspiel gleich, schlussendlich ein Monumentalgemälde von Hesses Leben entwirft.

Zwischendurch frage ich mich,

ob Heimo Schwilk so gut über Hesse schreiben kann, weil er selbst auf der Heldenreise seines Lebens ist. Dieser inneren Reise , auf der wir alle unterwegs sind von unserer Geburt bis zu unserem Tod, die uns als Menschen werden lässt. Da

Hermann Hesse

Heimjo Schwilk, Hermann Hesse Das Leben des Glasperlenspielers

tauchen Sätze in der Biographie von Hesse auf, da gehe ich schlicht weg in die Knie vor Hochachtung und Demut. Es sind Sätze aus dem Jahr dabei, indem vor 98 Jahren mein Vater geboren wurde. Mein Vater war zu jenem Zeitpunkt 50 Tage alt. Einer dieser Sätze, geschrieben in einem Brief an Walter Schädelau lautet:

„Das Schicksal presst mich, und meine Aufgabe dabei ist lediglich, meinen Wein abzugeben…“

„Ups“, denke ich da. „Diese Formulierung verdichtet punktuell eine meiner Aussagen:

‚Irene Wahle, Biographin und Winzerin'“

Und weiter heißt es in dem Brief an seinen Zeitgenossen Schädelau, einen Schweizer Forstwirtschaftler und Professor für Waldbau:

„Mein Lebensziel ist es wie deines und jedes anderen Menschen, nur bin ich in tiefern Zwiespalt mit mir selbst gekommen, und bin durch Temperatment und Fügung dazu getrieben, Kunst zu machen, d.h. immerzu mein inneres Leben zu gestalten und auszudrücken“

„Wow!“,

schreit es da aus mir heraus. Auch das ist der Motor meines Lebens. Viele Jahre tat ich es im Stillen, im Schreiben von Texten, Briefen und Reisebeschreibungen. So nach dem Motto:

‚Ach, ist ja eh alles brotlose Kunst.'“

Seit neunzehn Jahren habe ich den Mut es mit mir auszuhalten, meine Berufung aus mir heraus wachsen zu lassen und meine inneren Wachstumsprozesse als geistigen Lehm für die Gedankenbausteine meiner Kunden zu nutzen, um deren Biographien, Lebens-Zwischen-Bilanzen und Firmenchroniken zu einem Ganzen zu verdichten.

Hesse nutzte seine Kunst, um seine Persönlichkeitsentwicklung in imaginären Menschen und Orten darzustellen.

Stufe für Stufe“ ist in seinen Büchern dieser Weg nachzuvollziehen. Es ist ein ganz spezieller Weg, den Hesse beschreibt: Der Der Weg vom unbewusst lebenden – vom schlafenden – Menschen, hin zum bewusst lebenden – dem geistig erwachten – Menschen. Er zeichnet diesen Weg für den Typus des Künstlers nach. Jene Seelengruppe, die als vier im Eneagramm dargestellt wird.

Biographien schreiben lassen

Enneagramm nach Pythagora

Eneagramm ist „altgriechisch und setzt sich aus zwei Worten zusammen – ennea = neun und gramma = das Geschriebene. Es bezeichnet ein neunspitziges spirituelles Symbol, das als Strukturmodell dient, um neun als grundsätzlich angenomme Qualtitäten zu unterscheiden, sie zu ordnen und in Beziehung zueinander zu setzen. Diese Qualitäten stehen nach Pytagoras für die neun Gesichter unserer Seele. Gesichter, die einerseits sie selbst sind und andererseits im Verhältnis zueinander stehen.“

Hesse und mich verbindet eine dieser Qualtitäten, die Nummer vier, die für uns Künstler steht.

Mit Unterstützung dieser Struktur kann jeder Mensch, der etwas über sich erfahren möchte, viel über die eigenen Licht-und Schattenseiten erfahren. Also über das was uns bewusst ist und über das, was uns unbewusst ist. Ein Buch zum Thema, dass ich sehr empfehlen kann ist von dem amerikanischen Franziskanerpater, Prediger und Autor  Richard Rohr und von dem deutschen evangelischen Theologen und Liedtexter  Andreas Ebert geschriebenen Werk:

Das Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele.“

Es ist bereits 1995 in der 27 Auflage im Claudius München  erschienen.

Hesse beschreibt die Mensch-Künstler-Werdung

u.a. in seinen Romanen „Gertrud und Roßhalde“, „Klein und Wagner“ und „Klingsors letzter Sommer.“ In letzterem wird der Tod des Künstlers dem geneigten Leser am Anfang angekündigt und dann die Geschichte bis zu diesem Ereignis aufgerollt. Am Ende stirbt das ICH, genannt das Alter Ego, des Malers. Ein Expressionist der wie viele von uns, die Gier in sich trägt. Die Gier nach mehr. Nach mehr Leben, nach mehr Exessen, nach mehr Lust und nach mehr Leidenschaft. Ein Mensch, der als hungriger Geist geboren wurde. Ein Maler, der wie wir alle seine Lebensaufgaben in sich trägt. Beispielsweise die, in seine Mitte von berufener Arbeit und Leben zu kommen.

Hinter all der Gier steckt, wie bei vielen von uns, die Urangst vor dem Tod.  Es ist die Angst des Verstand- Egos zu sterben. Einfach aufzuhören zu existieren. Deshalb ist es nie genug. Der Tod kommt und mit ihm ein großes schwarzes Loch …

Obwohl ja ein Loch die Tendenz hat, Dinge aufzuehmen, ist für ihn, wie für viele Menschen dieses schwarze Loch eine Wand. Denn die Vorstellungskraft und der Glauben, dort könne etwas anderes sein, fehlen …

So ergeht es auch jenem Maler Klingor und deswegen giert er nach Leben und ist nie in der Lage, den Tod anzunehmen. Bis zu jenem Augenblick in seinem 40. Sommer.

Die 40 steht übrigens für tiefe Erkenntnis, für Ankommen im Gelobten Land der inneren Bewusstheit.

Nach dem Klingor 40 Jahre blind durch die Wüste wanderte kann er nun sehen. Sprich in einer Nacht hat er ein Einheitserlebnis. Er malt wie besessen an einem Bild, sein Ego stirbt …  und er malt und malt und malt. Ist ergriffen von seiner Kunst …. Dann kann er nie wieder malen, weil er nun auf dem Gipfel seiner Kunst ist.

Hesses göttergleicher Blick

Heimo Schwilk schreibt auf Seite 236 seiner Monografie über den Glasperlenspieler:

Wie Klingsor feiert Hesse Feste und verliebt sich in die Frauen, aber er verstummt dabei weder als Dichter, noch überwindet er durch das neue Gottesbild sein Schuldgefühl, aus der Familie ausgebrochen zu sein. Der göttergleiche Blick,  […] ist nur in der Ekstase möglich. Wenn sie endet, herrschen wieder Spaltung und Ich-Zerfall. Hesse begreift, dass er machtlos seinem Leben gegenübersteht. Das er stattdessen als Dicher einer Notwendigkeit folgen muss, die ihm auferlegt ist.

An jenem 16. August 1919 schreibt Hesse dem Freund Schädelau:

„Wenn ich meine geistige und dichterische Arbeit, oder Aufgabe oder wie man das nennen will, nun ganz und aussschließlich zum Mittelpunkt meines Lebens mache, so tue ich´s, weil ich nur so leben kann.“

Wie wundervoll, mich in so guter Gesellschaft zu wissen und von so einer großen Seele lernen zu können und seinen Spuren zu folgen. Hesse spricht mir immer wieder aus der Seele … und mutmaßlich aus der Seele vieler Verwandeter unseres Stammes.

Was bedauerlich ist:

Hermann Hesse hat so viele Erkenntnisse über sein Werk in der Theorie erkannt. Aber er es ist ihm misslungen, sie in der Praxis umzusetzen. Sprich, über seinen eigenen Schatten zu springen und sein Leid zu transformieren. Die Gegensätze zu verbinden und auch als Mensch eins mit der Welt zu werden. Seine zweite Frau hat ihn vergöttert, wollte nur für ihn leben. War ihm geistig gewachsen und gab ihren Weg auf. Aber auch sie brauchte immer wieder Auszeiten, um sich auf das fordernde Wesen Hesses einlassen zu können.

Ein Freund beschreibt die Nähe zu Hesse so:

„War bei Hermann Hesse zu Besuch. Ich brauche eine Woche Bettruhe, um mich zu erholen.“

Das ist die große Aufgabe für mich: zu erkennen, dass all das, was ich ablehne und all das, was mir begegnet mit mir selbst zu tun hat. Das ich für meine Kunden deren Biographien schreibe, aber letztlich mit meinen eigenen Baustellen konfrontiert werde. Das letztlich jede Begegnung eine Aufforderung des Lebens an mich ist, zu wachsen und zu reifen.

Und ja, da gibt es Herausforderungen in der Konfrontation mit meinen Kunden, da könnte ich manchmal schäumen vor Wut. Und will etwas auf andere schieben. Höre aber immer schneller auf die leise wispendernde Stimme meiner Seele, die in solchen Momenten sagt:

„He, Irene. Du bist es selbst, die den Samen für diese Entwicklungen setzte. Bleibe bei dir. Nimm an, was ist und lerne!“

Und noch etwas fiel mir beim Lesen wie Schuppen von den Augen: ich bin Gottfroh erkannt zu haben, dass ich mich über mein Leid hinaus in die Lebensfreude begeben habe. Dass ich wie viele Schriftsteller aufgehört habe, zu befürchten, mit dem überwundenen Leid ist meine Kreativität dahin. Ich bin dankbar aus dem nie versiegenden Brunnen meiner heilenden Seele zu schöpfen.

Aber jeder hat seinen Weg. Und was Hesse uns mit seinem Werk an Impulsen mitgegeben hat, ist und bleibt grandios.

Verehrter Heimo Schwilk,

Hermann Hesse

Heimo Schwilk bei einer Leser in Potsdam 2008, Foto Wikipedia

Danke für Ihr wunderbares Werk über einen meiner Lieblingsschriftsteller.

Danke für Ihre reflektierten Gedanken zu Hermann Hesse.

Ihnen Gesundheit, Glück und Segen auf all Ihren Wegen.

Möge Ihre Schaffensfreude nie versiegen.

 

 

Hochachtungsvoll Irene Wahle

Weiterführende

Heimo Schwilk
Hermann Hesse Das Leben des Glasperlenspielers
Biographie Heimo Schwilk

Hermann Hesse
Gertrud und Roßhalde
Klein und Wagner
Klingsors letzter Sommer

Irene Wahle
Kunstvoll Abschied nehmen – vom Sterben im Leben und im Tode

Irene Wahle ist seit 2004 freiberuflich als Biographin im deutschsprachigen Raum tätig. Sie schreibt und produziert in Kooperation mit ausgewählten Netzwerkpartnern kostbar gestaltete Biographien, Lebens-Zwischen-Bilanzen und Firmenchroniken. 2008 wurde sie für die von ihr geschriebenen Lebenserinnerungen: „Kandelaber-Heckmann “ mit dem 1. „Deutschen Biographiepreis“ ausgezeichnet. BiographinIW ist als Expertin für Lebens – und Unternehmensbücher ins „Netzwerk der Besten | Großer Preis des Mittelstands“ aufgenommen worden. Mit ihrer Arbeit setzt sich Irene Wahle dafür ein, Leben zu klären, Erinnerungen als wichtigen Bestandteil unserer Kulturgeschichte zu bewahren, Lebensleistungen zu würdigen und Visionen zu entwickeln. Tel. +49 381 68 63 874 biographie[at]irene-wahle.de

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