Von Leuten aus dem Stamme Mensch

Habe mir vor einiger Zeit einen Film ausgeliehen. Filme sind für mich ein Weg, die Welt in der ich lebe zu verstehen, Sinn zu erkennen und  mein Weltbild zu formen. Es ist ein Film der sich mit der Welt von ultraorthodoxen Juden beschäftigt, von deren Welt ich mehr erfahren möchte.
Unter anderem ist mir bekannt, dass Juden es in den vergangenen Jahrhunderten und in der Neuzeit schwer hatten. Mutmaßlich, weil sie anders waren als der Rest des Kulturkreises in denen sie über die Jahrtausende lebten und zu den ersten Gemeinschaften zählten, nach dem ägyptischen Pharonenpaar Echnaton und Nofretete gehörten, die nur einen Gott anbeteten.
Vielleicht aber auch aus dem Konflikt, dass es Pharisäer waren, wie die Lehrer dieser Lehre heißen, die für den Kreuztod von Jesus verantwortlich gemacht worden. Ganz klar geworden ist mir das nie… Denn schon bei den alten Ägyptern wurden die Juden als die anders Gläubigen angesehen. Solange bis Gott Moses damit beauftragte, die Juden ins gelobte Land zu führen. Am Ende der vierzigjährigen Reise, die hier wohl für menschliche Reifungsprozesse steht, schenkte Gott Moses die zehn Gebote. Erstmals in der Geschichte Gesetze für menschliches Miteinander. Zum ersten Mal in der Geschichte gabs einen freien Tag. Den Sonntag.

DiamantIm Mittelalter durften Juden nur bestimmte Berufe ausüben.
Unter anderem mit Geld und mit Edelsteinen zu handeln.  Jüdische Kaufleute sind mit dem Geld – und Edelsteinhandel betraut worden, um den damals grassierenden Wucher einzudämmen. Ein Wucher, der die europäische Wirtschaft lahm zu legen drohte. Juden durften nur einen maximal festgelegten Zins nehmen. Die Rothschilds sind die Familie, die es auf diesem Gebiete zu größtem Ruhm gebracht haben. Nie wieder hat eine Familie einen so großen Anteil am gesamten in der Welt umlaufenden Geld gehabt. Selbst Bill Gates könnte bei dem Dynastiegründer in die Lehre gehen.
Noch heute machen einen Großteil der Diamantenhändler in der Welt Juden aus.  Ein Jude wars, der den Brillantschliff erfunden hat, um einen Diamanten optimal zum Leuchten zu bringen. Am Anfang des 20. Jahrhunderts waren sie es, die Berlin mit in der Textilindustrie und mit ihren Kaufhäusern, wie beispielsweise dem Kaufhaus des Wesens zur Blüte brachten. Sie waren es, die bedeutende Hotelketten, wie das Steigenberger, gründeten.
Dann folgten die Jahre, die unserem kollektiven Bewusstsein noch immer wie ein schwarzer Schatten anhängen. Das Volk der Juden wurde als unwert eingestuft und sollte ausgerottet werden. Sechs Millionen Juden wurden vernichtet und die Menschen, die dafür verantwortlich waren, wuschen zu großen Teilen ihre Hände in Unschuld und schoben die Verantwortung woanders hin.

Von den orthodoxen Juden
habe ich das Bild, dass Männer Schläfenlocken haben, die lang gezwirbelt ihr Gesicht einrahmen. Ihre Kleidungsstil gibt mir das Gefühl, die Zeit ist stehen geblieben. Und das sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Und dann ist in meinem Weltbild über orthodoxe Juden noch verankert, dass sie die am strengsten gläubigen Juden sind. Das sie ein schier unüberschaubareres Regelwerk von  Vorschriften zu beachten  haben. Alles in allem glaube ich über 600 Gesetze.
Dann mutmaße ich,  das ihnen, wie auch allen anderen Juden dieser strenge Glaube, ihre Gemeinschaft und ihre Regeln über die Jahrhunderte das Überleben garantierte.  Doch wie es innen in so einer strengst gläubigen Gemeinschaft ausschaut, da weißt mein Weltbild weiße Flecken auf. Eine Welt, die für mich immer im Verborgenen lag. Bis ich einen überaus berührenden Film sah.

An-ihrer-StelleAn ihrer Stelle
Ein Film über die 18jährige Shira, ihre Eltern, die Familie und ihre Gemeinde. Shira ist ein Teil einer orthodoxen chassidischen Gemeinde in Tel Aviv. Diese Gruppierung der schläfengelockten Jünger Gottes sind die ultra orthodoxen Gläubigen des Judentums.
Shira bereitet sich auf ihre Heirat vor – mit einem von der Familie vorgeschlagenen, vielversprechenden jungen Mann. Doch die heile Familienwelt zerbricht, als am Purimfest ihre Schwester bei der Geburt des Kindes stirbt. Zurück bleiben der Ehemann Yochay mit dem Neugeborenen und die trauernde Familie. Shira wird mit dem Vorschlag konfrontiert, ihren verwitweten Schwager zu heiraten und dessen Kind eine Mutter zu sein. Die junge Frau steht vor der schweren Entscheidung ihrem Herzen oder den Wünschen ihrer Familie zu folgen.
Ich bin zutiefst berührt von diesem Meisterwerk der Filmkunst. Ich habe noch nie einen Film gesehen, indem alle Schauspieler, bis in die kleinste Nebenrolle so brilliert haben, so bei sich waren. Zwischenzeitlich ging mir der Blick dafür verloren, dass ich ja jetzt nur einen Film sehe. Das etwas sich so echt anfühlt, habe ich selten erlebt. Ein emotionaler, packender Film, der meine tradierten Glaubensmuster aufbricht. Der mir eine Anmutung davon gibt, warum die Menschen dieses Volkes trotz widrigster Umstände im Kreislauf der Geschichte überlebten. Mehr noch. Warum sie so erfolgreich sind und waren… Eine Geschichte voller Würde, der gleichzeitig von Selbstzweifeln berichtet, die jeden von uns an Scheidewegen des Lebens plagen. Von Frauen, die ihre höchste Aufgabe darin sehen, sich gut zu verheiraten und damit scheinbar alten Klischees folgen. Doch die auf den zweiten Blick einer inneren Wahrhaftigkeit folgen, die mir als Zuschauerin Respekt abfordert. Der Film wird so zu einem brillanten Kammerstück über wertvolle Keimzellen menschlicher Gesellschaften. Gibt auf diese Weise intime Einblicke wie wir, die außerhalb dieser Gemeinschaften stehenden nie zu sehen bekommen. Und was ich bisher glaubte, die Frauen müssten sich eher den Wünschen der Familie beugen, erweist sich hier als Trugschluss. Dieser Film zeigt eindrücklich auf, dass Liebe ein Weg des Herzens ist. Beispielsweise als der Rabbiner Shira ermuntert von ihren Gefühlen zu sprechen, zu begründen, warum sie Yochay denn heiraten will. Sie redet nur von der Pflicht, dem Kinde eine gute Mutter zu sein. Das ist inakzeptabel für den Vorsteher der Gemeinde.

Quintessenz
Ein cineastisches Filmhighlight, dass man gesehen haben sollte.

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 Weiterführende Links
7 Tage unter Juden

 

Irene Wahle ist seit 2004 freiberuflich als Biographin im deutschsprachigen Raum tätig. Sie schreibt und produziert in Kooperation mit ausgewählten Netzwerkpartnern kostbar gestaltete Biographien, Lebens-Zwischen-Bilanzen und Firmenchroniken. 2008 wurde sie für die von ihr geschriebenen Lebenserinnerungen: „Kandelaber-Heckmann “ mit dem 1. „Deutschen Biographiepreis“ ausgezeichnet. BiographinIW ist als Expertin für Lebens – und Unternehmensbücher ins „Netzwerk der Besten | Großer Preis des Mittelstands“ aufgenommen worden. Mit ihrer Arbeit setzt sich Irene Wahle dafür ein, Leben zu klären, Erinnerungen als wichtigen Bestandteil unserer Kulturgeschichte zu bewahren, Lebensleistungen zu würdigen und Visionen zu entwickeln. Tel. +49 381 68 63 874 biographie[at]irene-wahle.de

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