Hannah Arendt oder Fügungen in der Arbeit für eine Lebens-Zwischen-Bilanz

Für eine besondere Form der Biographie, die Lebens-Zwischen-Bilanz, recherchierte ich zum Fall Eichmann, dem Mann der den Tod von Millionen Juden während des dritten Reiches organisierte. Der heraus posaunte wie stolz er darauf sei, dazu beigetragen zu haben Millionen minderwertige Menschen auszurotten. Als der Krieg zu Ende war, sein „Führer“ sich selbst mit der Einnahme von Gift gerichtet hatte, reflektierte er kleinlaut:

„Ich habe nur im Auftrag gehandelt. Ich war nur ein Angestellter. Getötet haben diese Menschen andere“


Das Thema kam, nachdem ich es für mich als abgeschlossen angesehen hatte über einen Kunden wieder auf mich zu.  Der Mann setzte sich fast zwanzig Jahre so wie ich einst mit dem Zweiten Weltkrieg und Hitlers Diktatur auseinander.  Diese Reflexion will der Kunde in seiner Lebens-Zwischen-Bilanz dokumentieren.
Ausgelöst wurde seine intensive Beschäftigung  durch eine Begegnung mit den Schindler Juden in Israel in den siebziger Jahren. Das sind Menschen die der Unternehmer Schindler vor dem sicheren Vergasungtod bewahrte. Bekannt geworden sind sie in dem Film „Schindlers Liste“ und in vielfältigen Publikationen.
Der Mann der diesen Massenmord organisierte hieß wie gesagt Joseph Eichmann, der nach dem zweiten Weltkrieg wie viele Nazis in Südamerika sichere Zuflucht fand. Dort lebte er in einem Gartenhäuschen weit ab vom Schuss. Ging arbeiten und kam durch und durch Beamter jeden Abend mit seinem Aktenköfferchen von der Arbeit, leuchtete sich dann den Weg in sein Häuschen.

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Hannah Arendt, Briefmarke Deutsche Post

Dort wurde er dann vom israelischen Geheimdienst gekidnappt
Dann wurde ihm der Prozess gemacht, in dem er sich selbst verteidigte. Er wurde für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Seine Asche wurde auf dem Meer in alle Winde verweht.
Während meine Gedanken so in meinem Hinterkopf kreisen, wie ich diesen Teil der Leben-Zwischen-Bilanz  darstelle lädt  mich eine französische Freundin während meines Paris Aufenthalts in einen dreisprachigen Film ein. Hannah Arendt hieße er und das sei ein neuer Film der Regisseurin Margarethe von Trotta. Hannah Arendt sei eine der  berühmtesten Philosophinnen der Moderne, geboren 1906 in Hannover, inhaftiert wegen ihrer jüdischen Abstammung. Sie wurde vor Kriegsbeginn ausgebürgert und emigrierte mit ihrem Mann.  Eines ihrer Lebensthemen war Kraft des Denkens.
Interessiert stimme ich zu.

                                                                                                                    Der Film soll in der Originalsprache mit Untertiteln laufen.
„Dann ist er ja in deutsch“, denke ich erfreut und Geneviève und ich machen uns per Bus auf in ein Pariser Szeneviertel. Der Film ist allerdings dreisprachig angelegt. Dort wo Hannah Arendt deutsch spricht ist der O-Ton deutsch. So ist es jeweils in Amerika und in Israel. Hannah Arendt floh mit ihrem Mann vor dem Holocaust und wurde in Amerika aufgenommen. Dort hatte sie einen Lehrstuhl an einer Universität inne und schrieb unter anderem für „The New – Yorker“ . Diese beauftragten sie dann an dem Prozess in Jerusalem teilzunehmen und darüber für die Zeitung zu berichten. Ihr darüber verfasster Bericht und ihre Analyse zur

„Banalität des Bösen“
brachte ihr allerdings viel Kritik ein. Hannah Arendt, gespielt von Barbara Sukowa,  beschreibt darin einen Mann, der unendliches Leid erzeugte und aus ihrer Sicht unfähig war, wahrhaftig zu denken. Ein Männchen, dass verschnupft Prozessteilnehmer ist.  Leider geht mir wegen der Mehrsprachigkeit essenzielles verloren, was ich sehr bedauerte. Auf jeden Fall habe ich für meine Arbeit an der Lebens-Zwischen-Bilanz wieder wunderbare Inspiration erhalten und die bemerkenswerte Hannah Arendt kennen gelernt, die gegen alle Widerstände von außen zu der von ihr gefundenen Wahrheit stand. Sie starb 1975 in New York.

Berührt verließen Geneviève und ich das Kino, schwiegen uns eine ganze Weile an
und gaben dann unserer Begeisterung Raum. Mitgenommen habe ich für mich, diesen Film noch einmal sehen zu wollen. Nach Hause zurück gekehrt, recherchierte ich und finde heraus, dass das Werk mittlerweile mit dem Deutschen Filmpreis 2013 in den Kategorien Bester Spielfilm 2013 in Silber und beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet wurde. Auch Wikipedia erzählt mir etwas über die große Denkerin. Die Enzyklopedie schreibt: “

Arendt vertrat ein Konzept von „Pluralität“ im politischen Raum. Demnach besteht zwischen den Menschen eine potentielle Freiheit und Gleichheit in der Politik. Wichtig ist es, die Perspektive des anderen einzunehmen. An politischen Vereinbarungen, Verträgen und Verfassungen sollten auf möglichst konkreten Ebenen gewillte und geeignete Personen beteiligt sein. Aufgrund dieser Auffassung stand sie rein repräsentativen Demokratien kritisch gegenüber und bevorzugte Rätesysteme und Formen direkter Demokratie. Nicht zuletzt aufgrund ihrer zahlreichen theoretischen Auseinandersetzungen mit Philosophen wie Sokrates, Platon, Aristoteles, Immanuel Kant, Martin Heidegger und Karl Jaspers sowie mit den maßgeblichen Vertretern der neuzeitlichen politischen Philosophie wie Machiavelli, Montesquieu und Tocqueville wird sie dennoch häufig als Philosophin bezeichnet. Gerade wegen ihres eigenständigen Denkens, der Theorie der totalen Herrschaft, ihrer existenzphilosophischen Arbeiten und ihrer Forderung nach freien politischen Diskussionen nimmt sie in den Debatten der Gegenwart eine bedeutende Rolle ein.“

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Hannah Arendt, Gedenktafel am Geburtshaus Hannover

 

Mittlerweile sind zwei Monate vergangen und heute hat mich der Kinowecker aufgeweckt und mir berichtet, dass der Film in meiner Nähe läuft. Ich bin sehr gespannt auf die Feinheiten, die mir im ersten sehen dieses großartigen Films entgangen sind. Morgen um 20 Uhr sehe ich  mir den Film zum zweiten Mal an und empfehle ihn jetzt schon.

Weiterführende Links
Hannah Arendt – der Film
Offizieller Kinotrailer
Ist das Böse wirklich banal? – „Zeit- Magazin“
Eine Filmkritik, die die Banalität des Bösen hinterfragt und weitere Blickwinkel in die Persönlichkeit des Massenmörders Eichmann bringt
Hannah Arendt – Wikipedia

P.S. Den Film zum zweiten Mal gesehen zu haben war eine echte Bereicherung. Bei uns läuft er gänzlich in der deutschen Fassung. Das wünschte sich M. von Trotta wohl anders. Es sind sehr tiefe Gedanken, die die Philosophin da wälzte und Dinge, die sie in Frage stellt. Die ihr als Aufruhr gegen ihr eigenes Volk ausgelegt worden. Doch sie blieb sich und ihren lang und breit erarbeiteten Standpunkten treu. Bis zu ihrem Tod beschäftigte sie die Frage nach dem Bösen.
Das Thema der Schatten, die wir alle in uns tragen. Die Lösung dafür ist jenseits philosophischer Betrachtungen die der Verstand so klug heraus arbeitet zu finden. Sie liegt in jedem von uns begraben und wartet darauf, wie ein Schatz gehoben zu werden.

Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Grass

ZdF History: Der Fall Eichmann

Irene Wahle ist seit 2004 freiberuflich als Biographin im deutschsprachigen Raum tätig. Sie schreibt und produziert in Kooperation mit ausgewählten Netzwerkpartnern kostbar gestaltete Biographien, Lebens-Zwischen-Bilanzen und Firmenchroniken. 2008 wurde sie für die von ihr geschriebenen Lebenserinnerungen: „Kandelaber-Heckmann “ mit dem 1. „Deutschen Biographiepreis“ ausgezeichnet. BiographinIW ist als Expertin für Lebens – und Unternehmensbücher ins „Netzwerk der Besten | Großer Preis des Mittelstands“ aufgenommen worden. Mit ihrer Arbeit setzt sich Irene Wahle dafür ein, Leben zu klären, Erinnerungen als wichtigen Bestandteil unserer Kulturgeschichte zu bewahren, Lebensleistungen zu würdigen und Visionen zu entwickeln. Tel. +49 381 68 63 874 biographie[at]irene-wahle.de

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