Das reife Korn

Zu Zeiten der alten Germanen galt der Brocken, der höchste Berg des Harzes,  als Sitz der Götter. Dort prallen seit alters her die Wetterfronten aufeinander und deshalb nennt man diesen alten Herrn auch Wetterscheide. Die Verantwortung für dieses heftige aufeinander prallen, so sagt es die Sage, trägt Donar. Der Gott des Donners und der Blitze. Mit eisiger Hand greift der oberste der Götter dort zu und lässt die Temparaturen im Winter auf 25 Grad Minus sinken, er lässt die starken Stürme wehen. Und das so heftig, dass es unmöglich ist, die Hand vor Augen zu sehen. Seine Orkanboen heulen dem Menschen machtvoll um die Ohren, der sich zur falschen Jahreszeit ungefragt dort aufhält.

Donar stellt sich den Menschen entgegen und der,

der es versäumt sich mit Mutter Erde zu verwurzeln, wird einfach fortgeweht. Wenn es ihm beliebt, dann umhüllt er seinen Stammsitz im Minutentakt mit Wolken und versperrt die Sicht auf die Krone seines Berges. Wenn es ihm beliebt, dann reißt er den Wolkenvorhang  nach wenigen Augenblicken wieder auf, um sich dann doch wieder der Welt zu entziehen.
Die Menschen in den alten Zeiten hatten eigentlich große Ehrfurcht vor den Göttern. Deswegen wagt sich niemand auf den Brocken. Doch von ferne her da hatte so mancher den Mut hin und wieder zu wettern. So geschah es auch einmal vor langer, langer Zeit. Da war ein Bauer aus dem Harzgau in solche Wut geraten ob all dem, was ihm die diesjährige Ernte beschert hatte, dass er sich gen Brocken wandte, seine Fäuste erhob und schrie:

„Donar, setz dich lieber in deinen Lehnstuhl und ruhe dich aus. Du bist viel zu alt, um noch einen excellenten Wettergott abzugeben.
Ich kann deine Aufgaben tausendmal besser erledigen als du. Lass es mich dir zeigen! Dann wirst du sehen, dass du  von mir noch etwas lernen kannst.“

Der Göttervater hörte sich das Gezeter des kleinen Menschleins von unten im Tale schmunzelnd an. Dann sprach er von oben herab mit seiner dröhnenden und zwischen den Bergen des Harzes widerhallenden Stimme:

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Donars Kampf mit den Giganten, M.E.Winge, Foto Wikipedia

„So, du kleines Menschlein würdest es also besser machen als ich!“,

sprach er und schürte sein Bocksgespann, um ins Tal hinab zur reisen. Kurze Zeit später stand Donar dann leibhaftig vor dem Bäuerlein. Diesen verließ im gleichen Moment all sein Mut und er wurde klein mit Hut und Mantel. Donar blickte dem Bäuerlein jedoch indes festen Auges tief ins Herz und sprach:

„Gut, heute soll dein Glückstag sein, Mensch. Ich gewähre dir einen Versuch für ein Jahr! Beweise dich.“

Der Bauer nutzte nun die Zeit, um den Göttern zu zeigen, dass er von seinem Beruf mehr verstand, als:

„die da oben“.

Er bestellte bei den Göttern nur das Beste von allem. Mit dem Besten meinte er das aus seiner Sicht Beste. Es regnete, wenn der Boden zu trocken zu werden drohte. Die Sonne schien dann, wenn er es für nötig hielt. Er bestellte alle Überschwemmungen, Dürren, Brände, Käfer und harten Winde einfach ab. Dieses Wetterjahr strahlte in seinen lichtesten Farben und im hellsten Sonnenschein. Es war ein gefahrloses Jahr für die Reifung des Korns. Dass Wetter blieb gleichbleibend freundlich und es gab weder zu kalte,  noch zu heiße Tage.

Es schien ein ertragreiches Jahr zu werden

Der Weizen wuchs und wuchs. Niemals zuvor hatte er eine derartige Höhe von über zwei Metern erreicht. Als es Zeit wurde die reife Saat zu ernten, stand das Korn viermal höher als sonst. Das Bäuerlein nahm seine Sense und begann den Weizen zu schneiden und zu dreschen. Aber oh Graus! Den Ehren fehlten die Körner!

„Was ist denn das?“,

fragte sich das Bäuerlein verzweifelt. Donar hörte seine Nachfrage und antwortete:

„Bäuerlein, dem Weizen fehlten die Herausforderungen und die damit verbundene Reibung. Dadurch, dass du alles weggenommen hast, was ’scheinbar’schlecht war, blieb der Weizen unfruchtbar. Freya, der Göttin der Liebe, ist es misslungen,  seine Seele wachzurütteln.“

Der Bauer knickte hoffnungslos in sich zusammen und fragte:

„Was soll nun werden aus mir und meiner Sippe? Es wird uns mangeln an Essen in dem kommenden harten Winter!“

Donar lächelte milde und offenbarte dem Menschen:

„Bauer, folge der Natur der Dinge. Sie wird dich lehren, ihre Fülle zu sehen!“,

Brocken_(von_Wernigerode),_Harz

Brocken von Wernigerode (Harz) aus gesehen, Foto Wikipedia

Kaum hatte der Göttervater gesprochen, war er plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Der Bauer aber blickte zum Himmel empor. Über den Bergen des Harzes türmten sich dicke Wolken auf, die sich auf sein Feld zuschoben. Eine leichte Brise von zwei auf drei Windstärken streichelte sein Haar.

„Es wird wohl bald ein Gewitter geben,“

sinnierte das Bäuerleins und ein hoffnungsvolles Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

(Quelle: Sagenhafter Harz, „Thalenser Sagen“. Aufgeschrieben von C. Kiehne, überarbeitet von Biographin Irene Wahle )

 

Irene Wahle ist seit 2004 freiberuflich als Biographin im deutschsprachigen Raum tätig. Sie schreibt und produziert in Kooperation mit ausgewählten Netzwerkpartnern kostbar gestaltete Biographien, Lebens-Zwischen-Bilanzen und Firmenchroniken. 2008 wurde sie für die von ihr geschriebenen Lebenserinnerungen: „Kandelaber-Heckmann “ mit dem 1. „Deutschen Biographiepreis“ ausgezeichnet. BiographinIW ist als Expertin für Lebens – und Unternehmensbücher ins „Netzwerk der Besten | Großer Preis des Mittelstands“ aufgenommen worden. Mit ihrer Arbeit setzt sich Irene Wahle dafür ein, Leben zu klären, Erinnerungen als wichtigen Bestandteil unserer Kulturgeschichte zu bewahren, Lebensleistungen zu würdigen und Visionen zu entwickeln. Tel. +49 381 68 63 874 biographie[at]irene-wahle.de

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